• John Allen

[3] 18.08.2019- Lasst uns in die Wälder ziehen.

“I went to the woods, because I wished to live deliberately, to front only the essential facts of life, and see if I could not learn what it had to teach, and not, when I came to die, discover that I had not lived.” Henry David Thoreau


Nur knappe zwei Stunden nach einem wundervollen Abend mit Freunden, mit fantastischem Essen, hervorragendem Wein, einer kubanischen Zigarre (meiner ersten!) und vielen guten Gesprächen, ihr wisst schon, die Sorte Gespräch, die bereichert, belustigt und zum Nachdenken anregt, lag ich zu Hause im Bett und war wütend, frustriert, verzweifelt und gleichsam deprimiert - eine Übereinkunft von Gefühlen, die mir, wie ich gestehen muss, in den letzten Monaten häufiger untergekommen ist.


An dieser Stelle drängt sich für den Leser wohl unweigerlich die Frage auf, wie das denn sein könne. Der Beantwortung dieser Frage möchte ich gerne nachkommen: Gereicht haben für den emotionalen Umschwung von Glückseligkeit hin zu beinahe deprimierender Düsternis nur wenige Minuten einer Radionachricht. Donald Trump prüfe, so der Moderator, ob es nicht möglich sei, Grönland zu kaufen. Eigentlich belustigend, könnte man meinen, insbesondere wenn man bedenkt, dass dies nicht der erste Versuch seitens der Vereinigten Staaten wäre, Grönland den Dänen abzuwerben. Schon nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Regierung Truman ein 100-Millionen-Dollar-Angebot abgegeben und war gescheitert. Auch in dieser Radiomeldung drehte sich alles darum, dass Grönland - wie es heutzutage bei der Kommunikation mit der amerikanischen Regierung zum guten Ton gehört - per Twitter allen Träumereien einen Riegel vorgeschoben hatte. Soweit, so unspektakulär. Es folgte allerdings ein zweiter Teil. Der nämlich, in dem Außenminister Pompeo, sein Bedauern über die Absage erklärte. Immerhin sei Grönland von enormem geostrategischem Wert, nicht nur hinsichtlich einer möglichen Platzierung von in Richtung Russland ausgerichteter interkontinentaler Langstreckenraketen. Auch könnte man sich kaum anders auf der Erde den Klimawandel wirtschaftlich derart zu Nutze machen. Noch sei kaum zu ahnen, welches Ausmaß an Bodenschätzen zum Vorschein käme, wenn das Eis erst einmal geschmolzen sei. Es ist lange her, dass ich eine zynischere Aussage gehört habe, um ehrlich zu sein, ich kann mich kaum daran erinnern überhaupt jemals eine zynischere Aussage gehört zu haben.


Ich komme im Allgemeinen in den letzten Monaten vermehrt und wiederholt an den Punkt, an dem ich an der Welt zu verzweifeln beginne. Einen Punkt, an dem mich das Verhalten, das Handeln, die dadurch deutlich werdende Ideologie, das Menschenbild, der Hass und die Egomanie der Politik und großer Teile der Gesellschaft der Verzweiflung nahe bringen. Eine Politik, die in weiten Zügen primär am eigenen Machterhalt interessiert ist, sich Posten zuschachert und fernab der Realität, von Industrie und Lobby gepudert, Ausschüsse bildet, Abstimmungen durchführt, um neue Ausschüsse zu bilden, die das große Ganze schon längst aus den Augen verloren hat und nicht mehr versteht, dass der Begriff “Minister” eigentlich “Diener” bedeutet (ich weiß, ich weiß, es gibt die Ausnahmen - zu wenige sind es in jedem Fall und zu leise sind sie dazu!). Eine Generation von Heranwachsenden (zu der ich mich mit 35 noch immer zähle - manchmal bin ich eben doch Optimist!), von ihren Smartphones versklavt und von der Unterhaltungsindustrie verdummt und eine Kultur, in der nur zählt was zählbar ist. Eine Gegenwart, in der wir selbst Bildung, Gesundheit und Pflege, Klimawandel, ja sogar humanitäre Hilfe stetig rational finanziell zu optimieren suchen, weil wir Einkommen, Leitzins, die schwarze Null, Wirtschaftswachstum und den Aktienindex zu unseren neuen Göttern auserkoren haben. Um es in einem Satz zu formulieren: Uns ist als Menschen die Menschlichkeit und als Humanisten die Vernunft abhandengekommen. Wir treiben unnachgiebig unserem eigenen Untergang entgegen und scheinen entweder nicht zu begreifen, dass alle Zeichen auf das Ende unseres Zeitalters hindeuten, oder, was noch fataler wäre, wir haben begriffen und sind teils unfähig, teils nicht willens, etwas zu ändern. Die Titanic sinkt und die Kapelle spielt weiter und verbreitet gute Laune im Angesicht der steigenden Fluten. Während ich diese Zeilen tippe frage ich mich, ob ich vielleicht übertreibe, zu melodramatisch bin oder gar hysterisch, also beschließe ich, sie nochmals genau durchzulesen bevor ich sie veröffentliche. Bei jenem Durchlesen entscheide ich mich aber dafür, dass ich genau im richtigen Maße melodramatisch und hysterisch bin.

Da fällt mir ein, dass mir einmal jemand, der mir nahe steht, vorgeworfen hat, mich zu sehr in Vorstellungen, Träumereien und Ideen hineinzusteigern. “Du verlierst dich darin, John, du musst die Sache auch mal realistisch sehen.” Es mag durchaus sein, dass ich mir oftmals Dinge ein wenig zu sehr zu Herzen nehme. Eine Verriss eines Albums vielleicht oder eine schlechte Konzertkritik. Vielleicht die Zurückweisung eines Freundes, die mir das das Gefühl gibt, ich sei ihm nicht so viel wert wie er mir, oder die Ablehnung einer Liebschaft, die mir signalisiert, nicht begehrenswert genug gewesen zu sein. In all diesen Fällen neige ich vielleicht tatsächlich zu Gefühlsduselei und könnte ab und an mehr Rationalität vertragen. Aber in diesem Fall? In diesem einen Fall? Nein! Andersrum wird ein Schuh daraus, wie der Volksmund sagt. In diesem Fall liegt das Problem eher darin, dass sich viel zu viele Menschen diese Themen viel zu wenig zu Herzen nehmen! Ich habe vermehrt das Gefühl, mich in einer Welt von sedierten Zombies zu bewegen und möchte schreien und Jene wachrütteln die glauben, wir könnten es uns allen Ernstes leisten, über Promi Big Brother zu diskutieren und darüber, ob das Verbot von Plastikstrohhalmen nicht ein zu großer Eingriff des Staates in die individuelle Freiheit sei. Ein Kassierer bei Edeka meinte heute zu einer Kundin spöttisch: “Sehen sie, die wahren Probleme im Leben sind doch, dass Papa Klum nicht zu Heidis Hochzeit erschienen ist und Helene Fischers Nylonstrumpfhose auf dem Trapez gerissen ist!” Die Dame war irritiert und verstand nicht, dass er sich über ihre vorausgegangene Aussage (“Es ist ja schon ein Problem, dass die Hälfte ihrer Belegschaft nicht anständig deutsch spricht”) lustig machte.


Alles was ich weiß ist, dass wir die Grenze, an der ein banales “weiter so!” in irgendeiner Form zu rechtfertigen war, längst hinter uns gelassen haben. Alles was ich weiß ist, dass wir Menschen benötigen, die den Mut haben, Gesellschaft und Kultur neu zu denken und sich nicht damit zufrieden geben, lediglich an Stellschrauben die Feinjustierung zu überarbeiten. Menschen, die den Mut haben, große Visionen zu entwickeln und sich nicht davon abschrecken lassen, Fehler zu machen und Ämter zu verlieren. Solche, die ihre eigene Anstrengung in den Dienst der Sache stellen und nicht den Dienst der Sache für die Erfüllung der eigenen Obsession nach Macht und Kontrolle zu instrumentalisieren. Menschen, die bereit sind miteinander zu arbeiten, um Probleme zu lösen, anstatt Lösungsansätze zu blockieren, um hinterher behaupten zu können, dass es ohnehin besser gewesen wäre auf sie zu hören oder sie zu wählen.


Ich, für meinen Teil, bin es leid den Mund zu halten und die in mir schwelende Verzweiflung unterdrücken - ist auch ungesund auf Dauer! Es ist an der Zeit, meine Utopien zu schreiben, sie zu teilen und an ihrer Verwirklichung zu arbeiten. Wie? Ich weiß es nicht. Alles was ich weiß ist, dass ich es als meine Pflicht empfinde, an der Verbesserung unserer Situation mitzuarbeiten und mit gutem Beispiel voran zu gehen, insbesondere weil ich mir dessen bewusst bin, dass das Leben es gut mit mir meint und es mich unter ausgesprochen privilegierten, anderorts oftmals kaum vorstellbaren Bedingungen hat auf- und erwachsen lassen. Kurz vor seinem Tod nach dem Sinn des Lebens gefragt antwortete der große Roger Willemsen einst, er empfände es als Notwendigkeit, die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen und seine Zeit nicht nur Dingen zu widmen, die Spaß machen. In diesem Sinne, liebe Freunde, lasst uns in die Wälder ziehen. Lasst uns unsere Umwelt und ihre Probleme bewusst wahrnehmen und aktiv an der notwendigen Veränderung mitwirken und so unser Leben mit Sinnhaftigkeit füllen, um uns nicht am Ende unserer Frist eingestehen zu müssen, gar nicht gelebt zu haben.


JA


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