• John Allen

Be Kind. Always.


Ich habe nicht mitbekommen, dass diese Fotos von mir gemacht wurden. Als ich sie gesehen habe, war ich zuerst ein wenig pikiert. Und warum zeige ich sie euch trotzdem? Weil sie mich in einem besonderen Moment zeigen. Weil sie echt sind. Mein Freund Nico hat sie gemacht, Backstage, unmittelbar nachdem wir mit der Camaraderie am Whatever Happens 2022 von der Bühne gegangen sind, nur Sekunden nach einem wundervollen Konzert mit Freunden auf, hinter und vor der Bühne. Ein Moment, von dem man glauben sollte, dass man wenig anderes als Glück oder Dankbarkeit empfinden könnte. In dem, wenn alles gut läuft, die Anspannung abfällt und sich ein tiefes, zufriedenes Lächeln auf Gesicht und Seele ausbreitet. Und ich? Ich war hilflos und ziellos. Zerbrechlich und leer, überwältigt und emotional ausgezehrt, dem Zusammenbruch deutlich näher als bloß der reinen Erschöpfung. Zuviel war davor passiert, Positives wie Negatives, das ich noch nicht verarbeitet hatte und das sich während der Show unaufhaltsam seinen Weg aus dem Unterbewusstsein nach oben gebahnt hatte. Die Show selbst war pure Ekstase, bis zu diesem einen Moment in dem mir plötzlich klar wurde, dass diese 120 Minuten dann doch vorbei gehen würden. Das klingt naiv, ich weiß, weil es ja logisch ist, dass Zeit vergeht. Weil es logisch ist, dass Auftritte beginnen und enden - was wäre das auch für eine seltsame Zeitschleife? Und doch, vielleicht kennt das ja der ein oder andere von euch, gibt es Augenblicke, die sich, gerade weil sie so schön sind, endlos anfühlen können. Momente, in denen es unvorstellbar erscheint, dass sie aufhören. Wer kann sich schon, wenn er im Urlaub am Strand liegt, sich die Sonne auf den gut eingecremten Bauch scheinen lässt, in der Ferne nur die Wellen schlagen hört und sich fühlt, als habe er das Paradies entdeckt, wirklich vorstellen, vier Tage später wieder in einer überfüllten U-Bahn zu stehen und ins Büro zu fahren? Nun, ich kann so etwas jedenfalls nur schwer... Jetzt kann man sagen, dass die Bühne für mich ja mein Büro ist, meine Arbeit, mein täglich Brot wenn man so will. Aber gerade das ist für mich die Magie der Campfire Camaraderie, dass ich mich aufgehoben fühle, beschützt, verstanden, geliebt, nicht bloß respektiert. Dass Proben und Shows mit Jens, Kathi, Linda und Paddy mein Strand und mein Sonnenschein sind, die den Akku eher auf- als entladen. Nunja, je höher das Hoch, desto tiefer das Tief, so kommt es mir zumindest manchmal vor.


Wisst ihr, wenn es die Situation verlangt schaffe ich es in der Regel, genug Energie aufzubringen um mich auf Bühnen zu stellen oder in anderen Situationen einfach zu funktionieren, ohne mir anmerken zu lassen, wie es mir geht, wie es in mir aussieht. Klar, das hat mit Authentizität mitunter wenig zu tun, aber es ist eben eine Frage der Professionalität. Ein bißchen Emotionen zeigen ist super, wer will schon eine kalte Maschine auf der Bühne? Aber ein Künstler am Rande des Nervenzusammenbruchs? Dafür zahlt keiner Eintritt! Aktuell ist der Preis den ich dafür zahle zu funktionieren allerdings hoch. Ich bin chronisch müde, schlafe schlecht oder manchmal gar nicht. Abzuschalten oder konstant Herr über meine Gedanken zu sein ist eine Seltenheit geworden. Es fällt mir je nach Tagesform schwer, einfache Dinge zu erledigen, Emails zu beantworten oder auf Nachrichten zu reagieren. Ich kämpfe mit einem Dämon, der meine Schwächen besser kennt als ich selbst, der genau weiß, an welchen Stellen er mich triggern kann. Der mir immer wieder einredet, ich würde ohnehin alle nur enttäuschen. Ich genüge meinen eigenen Ansprüchen nur selten und wenn es doch einmal passiert, wenn ich mich mit Abstand betrachten und sagen kann, dass etwas gut gelaufen ist, dass ich eine gute Show gespielt oder einen guten Song geschrieben habe, dann kann ich dieses Gefühl nur schwer festhalten. Es ist kaum fassbar, verliert sich, löst sich auf wie Rauch im Wind. Um es kurz zu sagen: ich bin in jeglicher Hinsicht nicht besonders beeindruckt von mir - oder anders formuliert: ich bin kein besonders großer John Allen Fan. Echt nicht.


Manchmal, an meinen schlechteren Tagen, fühle ich mich wie ein Hochstapler und frage mich, wann wohl der Augenblick kommt, an dem ich entlarvt werde. Wann der Welt auffällt, dass es eine schlechte Idee ist, auf mich zu bauen, an mich zu glauben, mich zu unterstützen und so weiter. Ich empfinde nicht nur lähmenden Druck, es allen recht machen zu wollen, sondern auch Angst und Panik es nicht allen recht machen zu können. Vor wenigen Wochen war das wieder einmal soweit. Eine Email, in der sich ein Crowdfunder bei mir beschwerte, dass das Vinyl meines neuen Albums noch immer nicht angekommen endete mit folgendem Satz: “Das hat man davon, wenn man kleine Künstler unterstützt! John Allen? Nie wieder!” So eine unbedachte Aussage, von der der Verfasser nicht im Ansatz ahnen konnte, was sie anrichtet. Ich habe zunächst nicht darauf geantwortet, um nicht dem ersten Instinkt nachzugeben und wie ein verletztes Raubtier in den Gegenangriff überzugehen. Ich brauchte etwas Zeit um wirklich herauszufinden, was ich eigentlich sagen wollte. Inzwischen hat sich der Absender, ohne das ich ihm geantwortet hätte, bei mir entschuldigt, auch das gehört zur Wahrhei. Ich habe die Entschuldigung angenommen und auch meinen Hut davor gezogen. Es gehört einiges an Mut und Reflektion dazu, nicht nur zu erkennen, das man einen Fehler gemacht hat, sondern auch dazu zu stehen. Und dennoch: Ich trage den Satz jetzt mit mir rum, wissend, dass er an schlechten Tagen meine Ängste nährt und mich noch länger begleiten wird bis ich irgendwann hoffentlich die Stärke finde, ihn abzulegen und zu verdrängen. Was wir uns sagen, was wir uns schreiben hat Konsequenzen. Immer. Während ich diese Zeilen aufschreibe muss ich an ein Zitat von Robin Williams denken. “Everyone you meet is fighting a battle you know nothing about. Be kind. Always.” Vielleicht ist das ein Credo, auf das wir uns dringend einigen sollten. Nicht ihr und ich, zwischen uns funktioniert das eigentlich ziemlich gut (und Ausnahmen, so lehrt das Sprichwort, bestätigen ja nur die Regel) aber so gesamtgesellschaftlich. Wie oft bedenken wir (mich eingeschlossen!) nicht die Konsequenzen dessen was wir sagen oder tun. Natürlich heißt das nicht und darf es nicht heißen, dass wir uns nicht kritisieren oder kritisch äußern dürfen, beides ist essentieller Bestandteil guter Kommunikation. Natürlich heißt das nicht, dass wir uns oder die Handlungen unseres Gegenübers nicht auch doof oder scheiße finden dürfen. Aber wie sagte mein Großvater doch immer so schön: Der Ton macht die Musik. Zum Glück kommt so etwas, zumindest zwischen uns, ausgesprochen selten vor - nicht das hier der Eindruck entstünde, ich würde die ganze Zeit digital angezickt - das Gegenteil ist der Fall und ich bin dafür voller Dankbarkeit, auch weil ich Musiker:innen kenne, bei denen es leider anders läuft.



Am Wochenende hat jemand zu mir etwas im Vorbeigehen gesagt, das ich so oder so ähnlich ziemlich recht regelmäßig höre, nämlich dass “so ein bißchen Depression und Leid” ja schon auch “künstlerisch wertvoll sei”. Die besten Künstler hätten ja ihre besten Werke nicht schreiben können, hätten sie nicht auch ein wenig gelitten. Hemingway zum Beispiel. Ob der wohl so brilliant geschrieben hätte, wäre er nicht psychisch am Ende gewesen? Wo fange ich an ob solcher Fragen? Vielleicht so: Es stimmt zwar, dass zum Leben Leid und Unglück dazu gehören und in gewisser weise eine positive Nebenwirkung haben. Wie könnte man Glück genießen, ohne Unglück zu kennen? Und doch- können wir uns bitte darauf einigen, dass es ein Problem ist, Leid und Leiden, Unglück und Depressionen zu romantisieren? Psychische Krankheiten sind nicht schön. Nicht notwendig. Nicht künstlerisch wertvoll. Und selbst wenn Hemingway ohne sein Leid weniger gute Bücher geschrieben hätte - erstens: wir hätten es nicht bemerkt, es existieren ja nicht zwei unterschiedliche Hemingways parallel. Es hätte uns also nichts an Kultur gefehlt. Zweitens: Was bitte ist es denn für eine Einstellung, in der wir das seelische Leid eines Künstlers damit rechtfertigen, dass wir uns dann von ihm besser unterhalten fühlen? Frei nach dem Motto: Doof für dich, aber hey, sieh es mal aus unserer Sicht... wir hätten ohne dein Leid weniger Spaß. Ich weiß, ich weiß, ich übertreibe. Aber es käme doch auch kein Mensch auf die Idee einem Fussballer zu sagen, es sei wirklich gut, dass er sich den rechten Fuß gebrochen habe, schließlich könne er sich dann noch mehr auf den schwächeren Linken konzentrieren. (Ja, ich weiß, die Analogie hinkt. Und ja ich weiß, das Verb “hinken” zu benutzen bei einer Analogie um einen gebrochenen Fuß ist auch seltsam.)


Was will ich mit all dem sagen? Vielleicht, dass es manchmal wichtig ist, seine Worte weise zu wählen. Dass wir mit Verständnis durch die Welt gehen und unseren Mitmenschen mit Empathie gegenübertreten sollten. Dass wir wissen sollten, dass nicht immer alles so ist, wie es scheint. Vielleicht auch, weil ich weiß, dass es vielen da draußen genauso geht wie mir, oder gar schlimmer. Und weil ich möchte, dass diejenigen, die diese Last auf den Schultern tragen hier lesen können, dass sie nicht allein sind. Ein Blick in die sozialen Netzwerke genügt ja häufig um den Eindruck zu gewinnen, dass alle anderen die Zeit ihres Lebens haben, tolle Shows, erfolgreiche Platten, die besten Abende mit Freunden, die Strandfigur, den tollsten Urlaub. Nur ich ... ich sitze hier in meinem Loch und schwermute vor mich hin... Weil das zumindest für mich das Schlimmste ist, wenn sich der Gedanke manifestiert, dass es nur mir so geht. Passt auf euch auf da draußen und seid nett zueinander, auch wenn es manchmal schwer fällt. Denkt an das Zitat von Robin Williams. Und weil die besten Ratschläge immer noch die sind, von denen man weiß das sie zwar stimmen, man sie aber selbst, mal freiwillig mal nicht, ignoriert, sei euch gesagt: Wenn euch mal alles zu viel wird und die Welt droht, über euch zusammenzubrechen, denkt daran, ihr seid nicht allein! Irgendwer da draußen liebt euch, nicht obwohl, sondern genau weil ihr ihr seid.


Ihr Lieben, danke für’s Lesen, für den guten Zuspruch und die Liebe die mich so oft erreichen und die, auch wenn ich sie nicht immer wirklich annehmen kann, doch wirklich gut tut. Danke für euer Verständnis, dass ihr mir so oft, nicht nur aber auch, im Zusammenhang mit dem Crowdfunding, zeigt. Und nein, das ist kein Fishing vor Compliments, keine Bitte um Zuspruch oder Ähnliches. Ich schreibe das eigentlich nur, weil es sich gerade für mich richtig anfühlt, diese Gedanken mit euch zu teilen. Wenn ich in ein paar Wochen diesen Beitrag lesen sollte und mich frage, was mich da wohl geritten hat, dann kommt er eben weg. Das Internet hat ja nicht nur Nachteile.

Und Nico? Danke für die Bilder! Wirklich. Ich weiß, ich war ein wenig motzig, als du mir erzählt hast, dass du mich in der Situation fotografiert hast. Wohl um mich selbst zu schützen. Vielleicht auch aus Angst davor, mich einmal so zu sehen. Im Nachhinein bin ich froh, dass es sie gibt. Sie sind für mich wohl mit die Wichtigsten des Festivals. Die Echtesten sind sie in jedem Fall. Sie helfen mir, mich zu verstehen und zu akzeptieren.

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John

P.S.: Nein, es gibt leider kein Update bezüglich des Vinyls und ich kann immer nur wiederholen - ich weiß, wie sehr es euch nervt und glaubt mir, es nervt mich noch mehr...