• John Allen

[1] Digitale Depression

Updated: Aug 18, 2019

Liebe Freunde,

ich gebe gerne zu, es fühlt sich komisch an, diesen Beitrag zu verfassen. Wie ihr gemerkt habt, ist es online sehr ruhig um mich geworden, obwohl doch bald mein neues Album erscheint und ich euch gerade jetzt mit Updates bombardieren sollte. Der Grund dafür ist so einfach wie radikal. Es hat sich viel verändert in den letzten Monaten und in mir ist die Erkenntnis gereift, dass es an der Zeit ist, mein Leben und meine Zeit neu zu organisieren, neue Prioritäten zu schaffen.

Unser kostbarster Besitz und gleichzeitig das Wertvollste was wir einander geben können ist unsere Zeit. Sie ist unwiderruflich, unbezahlbar und unteilbar. Ich habe meine Zeit gerne mit euch geteilt, mit zahllosen Konzerten, mit meinen Liedern, mit Abenden, an denen aus Fremden Freunde und aus Freunde Geliebte geworden sind. Es gibt für mich kein größeres Glück, als das Wissen, Teil eures Lebens gewesen zu sein und immer noch zu sein. 

Unglücklicherweise stelle ich jedoch seit geraumer Zeit fest, dass auch die Musik, eigentlich und ursprünglich mein Ausweg, meine Alltagsflucht, meine Freiheit mir zunehmend verkommen und verdorben vorkommt. Ich liebe sie, naiv, innig und ehrlich. Musik macht mich wehrlos, versehen mit der positivsten Konnotation, die dieses Wort hergibt, doch scheint sie mir zunehmend unzertrennlich mit dem Business verkoppelt, einem Hamsterrad aus Promo, Feedback, Druck, Content, sozialen Netzwerken. Ein Hamsterrad, von dem ich gerne zugebe, dass ich ihm weniger und weniger gewachsen scheine. Ein Hamsterrad, dass ich mit Zeit bezahle und das mich in Gegenleistung zermürbt, aufreibt, mich wütend macht, rastlos, mich frustriert und verzweifeln lässt. 

Ich liebe es nach wie vor zu schreiben, zu spielen, zu singen, herumzufahren und zu touren, Musik aufzunehmen, zu fotografieren und alles was an kreativer, bereichernder Arbeit meiner Berufung anheimelt. Doch das ist leider, wie so oft, nur der eine Teil des Medaille. Auf der anderen, der nach außen nicht sichtbaren Seite, zeichnet sich mir ein gänzlich anderes Bild. Der Druck, ständig präsent sein zu müssen, ständig Inhalte (neudeutsch Content) präsentieren zu müssen, die Angst vergessen zu werden, die künstlich hergestellte, aber deswegen keineswegs weniger echte Sucht nach Likes, der ich mich immer weniger entziehen kann, das damit einhergehende, anbiedernde Betteln um Aufmerksamkeit und der ständige Vergleich mit anderen Künstlern, Seiten, Agenturen. Die ständige Kontrolle, der Drang alle zwei Minuten meine Accounts zu checken um auch ja Nichts zu verpassen. Seite aktualisiert! Seite aktualisiert! Seite aktualisiert! Die Erkenntnis: Band XY hat mehr Follower, mehr Likes, mehr Aufmerksamkeit, bessere Fotos, bessere Videos, offensichtlich nur gut besuchte Konzerte, kurz: mehr digitale Liebe. 

Am Ende ist die digitale Freiheit, sind die grenzenlosen Möglichkeiten der Selbstvermarktung für mich nichts als ein selbstgeschaffener Käfig geworden. Ein Käfig aus ständigem Vergleich. Ich kenne die Schwächen meines eigenen Lebens nur zu gut, ich kenne die Realität meiner Shows, weiß, dass sie nicht immer gut besucht sind, weiß, dass ich um jeden Zuschauer kämpfen muss. Im Internet hingegen werde ich unablässig mit den perfekten Versionen anderer Künstler konfrontiert. Und obgleich ich weiß, dass digitale Realität und Wirklichkeit in aller Regel nur eine geringe Schnittmenge haben, obwohl ich weiß, dass wir die Generation Photoshop sind, die Generation, die Wahrheit an jeder nur erdenklichen Stelle biegt, maskiert, schönt und editiert, erkenne ich, dass in mir wenig zurück bleibt als Selbstzweifel, als die seelenzerstörende Jagd nach dem nächsten Like, dem nächsten Feedback. Trifft es ein, ist es ein kurzes, gehaltloses High, ein kurzer Rausch der beinahe unmittelbar verfliegt und keine Zufriedenheit oder nachhaltiges Glück auslöst, sondern nur das Bedürfnis der Wiederholung erschafft. Bleibt es aus, fühle ich mich besiegt und geschlagen, entmutigt und verzweifelt. Bleibt es aus, fühle ich mich besiegt und geschlagen. Fragen über Fragen schwirren mir im Kopf herum: Was mache ich falsch? Warum entfolgen mir Menschen bei Facebook und Instagram? Bin ich nicht mehr interessant genug? Ist mein Content nicht mehr gut genug? Habe ich vielleicht zur falschen Zeit gepostet? Warum kommen heute nicht mehr als 20 Leute zu meiner Show? Sind meine Songs nicht mehr gut genug? Bin ich am Ende nicht mehr gut genug?

Ich habe dieses Spiel lange mitgespielt. Das Foto aus dem perfekten Winkel, dass den Eindruck erweckt, der Saal sei voll gewesen. Die obligatorische Dankesnachricht nach einer Show (“Stadt, XY, ihr seit wundervoll gewesen!”), die Leser glauben machen soll, das Publikum habe sich während der Show nicht mehr einbekommen vor Glückseeligkeit, ohne aber zu erwähnen, dass es nur eine Handvoll Leute waren, die überhaupt vorbeigekommen sind. Die Wahrheit ist: Ich kenne die Regeln des Spiels, ich spiele es selbst und doch gelingt es mir weniger und weniger bewusste Realität von emotionalen Zweifeln zu trennen. Ich lasse mein Leben davon bestimmen (Zitate während eines freien Abends mit meiner Frau: “Ich muss noch eben den Facebook -Post fertig machen bevor wir loskönnen.”; “Ich will nur eben kurz checken, wieviele Leute schon geliked haben.” ; “Ich muss nur kurz auf zwei Kommentare antworten.”) und es gelingt mir zu selten, mich zu lösen. Hier ist eine Liste von Dingen, für die ich in den letzten Jahren weniger Zeit aufgebracht habe, als mit Promo in sozialen Netzwerken:

Bücher lesen

Songs schreiben

Gitarre üben

Klavier üben

Freunde treffen

Spazieren gehen

Ist das die Schuld der sozialen Netzwerke? Ich glaube nicht, es ist meine eigene Inkompetenz im Umgang mit sozialen Netzwerken, entstand doch aus all den Zweifeln, aus all den beschriebenen Sorgen für mich stets die Notwendigkeit noch mehr Zeit zu investieren, noch mehr von mir zu investieren, noch schneller zu versuchen auf jede Anfrage zu antworten, auf allen Kanälen präsent zu sein- ein Video hier, ein Foto da, ein Blogpost hier, ein Tweet, eine Kurznachricht, ein Video, Tourdaten, eine E-Mail, eine Nachricht bei Instagram, ein Feedback auf eine Story, eine Privatnachricht bei Twitter, dann schnell noch die Facebook Nachrichten checken, aber ja den Spam Ordner nicht vergessen. Habe ich eigentlich heute schon einmal durchgeatmet? Das Ergebnis ist eine erneut gesteigerte Angst, etwas zu verpassen und mit einer Ausbleibenden Antwort Menschen zu enttäuschen, eine Orientierungslosigkeit in der endlosen Welt des Internets - digitale Depression.

Zu alledem kommt die Erkenntnis, dass ich es verabscheue, Werbung mit mir zu machen, mich anderen Menschen anzupreisen, mich, wie man sagt, zu vermarkten. Ich finde mich ehrlich gesagt selbst weder besonders noch besonders gut. Nun könnte man sagen, ich könnte diese Arbeit einfach von Dritten erledigen lassen. Auch das wäre mir nicht recht gewesen, zum Einen könnte (und wollte) ich es mir nicht leisten und zum anderen hätte es meine Sorge, irgendetwas zu verpassen, einen Kommentar oder eine Nachricht zu spät zu lesen, nicht eingeschränkt. Auch empfinde ich mich als zu selbstbestimmt, als dass ich mein Image von anderen beeinflussen lassen wollen würde. 

Ich bewundere jene, denen die Betreuung ihrer sozialen Netzwerke leicht fällt, denen es ein Einfaches ist für sich Werbung zu machen, diejenigen, die nichts als Bestätigung für sich oder ihr Schaffen daraus ziehen können und insbesondere bewundere ich solche, die es schaffen, die unzähligen Vorteile der sozialen Netzwerke für sich und ihre Bedürfnisse zu nutzen, ohne sich von den nicht von der Hand zu weisenden Nachteilen konsumieren zu lassen. Ich bin leider keiner davon. Doch was heißt das nun konkret?

Keine Sorge, aus mir wird kein digitaler Nomade. Ich mag aussehen wie ein Waldschrat, aber ich werde jetzt und auch in Zukunft nicht in den Wald ziehen um im Stile Thoreaus als Einsiedler mein Dasein zu fristen. Ich werde mich nicht einmal gänzlich aus allen sozialen Netzwerken zurückziehen, aber ich werde meine Zeit, die ich mit Ihnen verbringe auf das Nötigste reduzieren. Ich habe meinen Twitter Account bereits gelöscht, meine Facebook John Allen Photography Seite wurde zur Löschung angemeldet und ich werde die Nachrichtenfunktionen meines Künstlerprofils bei Facebook abstellen. Ich habe die Apps aller sozialen Netzwerke von meinem Handy gelöscht, meine Apple Watch verkauft und werde nicht mehr ständig überprüfen, was an digitalem Feedback vorliegt. Demzufolge werde ich auch nicht mehr sofort auf eure Kommentare reagieren können und ich werde mich nicht mehr darum bemühen, ständig Inhalte zu generieren. Ich werde mich jetzt und in Zukunft nur dann zu Wort melden, wenn ich etwas zu sagen habe und nicht mehr dann, wenn ich das Bedürfnis habe etwas zu sagen, aus der Besorgnis heraus, schon zwei Tage nichts mehr gepostet zu haben. Alles eben zu seiner Zeit.

Was ich mir davon verspreche? Mehr Zufriedenheit, mehr Entspannung und, vor allem, mehr Zeit für die Wirklichkeit da draußen. Mehr Zeit zum Schreiben, zum Fühlen, zum Erleben, mehr Zeit mit meinen Freunden und meiner Frau. Schaut gelegentlich auf meine Kanäle oder meine Website, erzählt euren Freunden von mir, kommt zu Shows, an all dem hat sich nichts geändert, aber mir ist der digitale Alltag zu schnell, zu rastlos und zu hektisch geworden. Es ist an der höchsten Zeit, mich zu entschleunigen. Die Schönheit einer vorbeifliegende Landschaft während der Zugfahrt lässt sich nur dann genießen, wenn der Zug langsamer fährt. Die Zeit des digitalen Rausches ist vorbei, der Detox beginnt. 

Ich bin weiterhin für euch da, ich werde weiterhin für euch spielen, ich bin, nun mehr denn je, angewiesen, dass ihr euch über mich informiert. Ich freue mich weiterhin von euch zu lesen, auf eure E-Mails (die ich so gut es geht beantworten werde und die ab sofort so ziemlich die einzige Möglichkeit sein werden, digital mit mir Kontakt aufzunehmen. Weniger Optionen schaffen für mich mehr Orientierung und nehmen den Druck, einen Kanal vielleicht nicht nach neuen Nachrichten überprüft zu haben), auf eure Anfragen (auf die ich so gut es geht reagieren werde) und noch mehr auf die in letzter Zeit immer wieder eintrudelnden Briefe und Postkarten (die ich, wenn ein Absender drauf steht in jedem Fall beantworten werde!). 

Am meisten freue ich mich darüber nach oder vor oder manchmal sogar während einer Show mit euch die reden, zu lachen, zu trauern und uns gegenseitig die Welt zu erklären!

Lasst es euch gut gehen, ihr Lieben!

Danke für eure Zeit, danke für das bis hierhin lesen. Bedenkt, dass eure Zeit begrenzt ist. Ich kann euch nicht genug ermutigen, eure Zeit bewusst zu verbringen.


Bis bald, irgendwo unterwegs,

John


P.S.: Ja, das neue Album kommt bald. Die meisten CDs für Crowdfunder sind verschickt, wir warten händeringend auf das Vinyl, welches ich, sobald es eingetroffen ist, selbstverständlich verschicken werde.


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