• John Allen

Until the end of Days

Die vergangenen Jahre waren schwierig, das muss ich niemandem von euch erzählen. Jede und jeder von euch hat Einschränkungen erlebt, hatte Schwierigkeiten zu meistern, Enttäuschung zu verarbeiten oder gar Verluste zu verkraften. An solchen Schnittstellen im Leben verbieten sich Vergleiche. Wen hat es härter getroffen, wer kam etwas glimpflicher davon? Erlebtes ist immer subjektiv. Ich konnte bis heute morgen von mir behaupten, gesundheitlich einwandfrei durch die Pandemie gekommen zu sein, nun ist auch dieses Thema Geschichte. Aber darum soll es nicht gehen.

Es ist aktuell noch nicht absehbar, wie sehr und vor allem wie nachhaltig Covid-19 der Musikindustrie schaden wird. Wenn ich “Musikindustrie” schreibe, dann meine ich nicht zwingend Rock am Ring, Bruce Springsteen oder Rammstein, sondern uns Kleinkünstler*innen, alle Veranstalter*innen von Shows im kleinen Rahmen, von kleinen familiären Festivals, die uns allen so viel bedeuten. Ich habe irgendwann einmal versprochen, immer ehrlich mit euch zu sein. Nachdem ich (Love) Letters im vergangenen Frühjahr aufgenommen hatte, war ich eigentlich durch mit dem Thema Musik - ausgelaugt, leer, frustriert, desillusioniert und perspektivlos. Sicher, ein paar Shows hier und da um das Album zu promoten, aber auf Tour gehen? Mich aktiv um Booking, um neuen Merchandise kümmern? Irgendwie ausgeschlossen. Ich habe schon 2020 mein Stage Piano verkauft, einfach weil ich keine Lust mehr hatte, es mit mir herumzuschleppen und weil sich mehr und mehr der Gedanke manifestierte, dass das alles ohnehin niemanden mehr interessiert oder nach einem Ende der Pandemie interessieren wird.

Der letzte Song “The End of Camelot”, geschrieben eigentlich während der Aufnahmen zu (Love) Letters ist nicht mehr und nicht weniger als ein Abschiedslied - voller Dankbarkeit für die schönen Erfahrungen, aber auch klar in der Aussicht auf einen Abschluss.


Und dann? Tja. Dann kam Freitag. Das Whatever Happens Festival ist, soviel müsste jedem, der hier mitliest inzwischen klar sein, ohnehin eine Herzensangelegenheit. Nicht nur für alle, die seit Jahren an der Organisation mitarbeiten, sondern eben auch für mich - weil Blood Brothers Namenspate stand, weil ich dort 2017 meine Frau kennenlernen durfte und weil ich ich seit Jahren weniger wie ein Künstler, sondern mehr wie ein Familienmitglied behandelt werde. Neben all den großartigen Shows die ich seit der ersten Auflage sehen und bestreiten durfte, genieße ich die Zeit des Abschaltens vor Ort. Dieses ziellose Umherstreifen, hier und da der kurze Blickkontakt, das Lächeln einer mir fremden Person im Vorbeihuschen. Ich sehe, wie hinter der Bühne alle atemlos daran schuften, das Festival für alle zu etwas Besonderem zu machen und bin voller Dankbarkeit, Teil dieses Projekts sein zu dürfen. Trotz aller Resignation, ich hatte riesige Lust, gar nicht zwingend auf meine eigene Show, sondern darauf, gute Freunde wieder zu treffen, einfach und ungehemmt Musik machen zu dürfen, einfach zu sein. Und dann? Nochmal tja. Mein lieber Jens, der für so vieles den richtigen Satz parat hat, würde sagen: “Wir haben uns angezündet.”

Die Proben ab Mittwoch Abend bis tief in die Nacht. Der tiefe Respekt mit dem wir, Kathi, Jens, Linda und Paddy mit den Songs der jeweils anderen umgehen, zum ersten Mal seit einem Jahr wieder das Gefühl, nicht alleine in der Musik umherzuirren, sondern akzeptierter und wertvoller Teil eines größeren Ganzen zu sein. All die dummen Sprüche, die Albernheiten, gleichzeitig das detailversessene Arbeiten an jedem Break, an der Instrumentierung. Stück für Stück Zeuge zu sein, wie die Songs wachsen, wie wir als Band sicherer und sicherer, besser und besser werden.


Die Show am Freitag Abend war dann für mich ein einziger Rausch. Diejenigen von euch, die sie gesehen haben, werden mitbekommen haben, wie emotional angefasst ich am Ende des Sets war. Als wir dann noch ganz spontan Blood Brothers als letzten Song eingeschoben haben und ihr da draußen den Refrain nicht mitgesungen, sondern uns aus voller Kehle entgegengebrüllt habt - ich musste auf der Bühne wirklich aufpassen, nicht einfach loszuweinen.



In den letzten Tagen Whatever Happens ist gefühlt alles von mir abgefallen, was ich an musikalischen Zweifeln über die vergangen beiden Jahre aufgebaut habe. Die Resignation ist purer Zuversicht gewichen. Die Standing Ovations bei der Piano Show am Sonntag haben mir danach den letzten Rest gegeben. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt so motiviert war, wann ich so viel Lust hatte, auf neue Lieder, neue Shows, neue Kollaborationen, auf neuen Merch, auf alles. Zu sagen, ihr habt mich angezündet wäre eine große Untertreibung. Zu sagen, ich bin voller Dankbarkeit wäre eine noch größere Untertreibung.

Die Campfire Caraderie Tour im Herbst wird das nächste große Highlight sein und ich kann euch nur sagen: Kommt vorbei, wir werden mit euch jeden Abend eine riesige Party feiern!



An alle beim Whatever Happens, von den Künstlerbetreuer*innen, über alle, die in der Küche ruhelos gezaubert haben, über Chris und Toto am Sound, über die Verkäufer*innen am Merch, über André und sein Orga-Team und an alle, die ich noch vergessen habe: ihr wart großartig!



An Nico und Sebastian, vielen Dank, dass ich dank eurer tollen Fotos den Abend auch in bildlicher Erinnerung behalten darf. Und schließlich natürlich an Jens, an Kathi, an Linda und natürlich vor allem an Paddy, meinen lieben, guten Paddy. Ich kann es kaum anders in Worte fassen als den scheinbar simpelsten aller Sätze zu wählen: Ich liebe euch - bedingungslos und aus vollem Herzen!

Whatever Happens, my friends - until the end of days!

P.S.: Als kleines Extra habe ich mir noch eine Covid-19 Infektion mit nach Hause gebracht - mir geht es den Umständen entsprechend gut, aber dennoch: passt auf euch auf da draußen!


Fotos von Honeymilk Photography und Sebastian Madej