...so ratlos und hilfsbedürftig

February 21, 2016

...so ratlos und hilfsbedürftig! (sorry, langer Post!)

 

Mitte der 20er Jahre schreibt die in Königsberg in Preußen geborene und später in Dresden verstorbene deutsche Künstlerin Käthe Kollwitz in ihr Tagebuch: „Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind.” In Zeiten des Überflusses der "Goldenen Zwanziger" entwirft sie kritische Kunst, die sich dem Elend der Armen verschreibt, in Zeiten des Patriotismus zeichnet sie Plakate die der Kaiserin mißfallen. Fünf Jahre nach dem Ende des ersten Weltkrieges entwirft sie ihr vielleicht bekanntestes Werk, eine Kreidezeichnung die einen Jugendlichen zeigt, seine rechte Hand auf die Brust gelegt, seine Linke zum Schwur in die Höhe gestreckt. “Nie wieder Krieg” prangt unterstrichen neben dem Jüngling - sie selbst hatte einen Sohn im Krieg verloren. Käthe Kollwitz galt als unbequeme Künstlerin, als eine, die ihren Finger in die Wunde legt und wurde demzufolge vom nationalsozialistischen Regime künstlerisch geächtet. Ihre Werke wurden bereits 1936 aus den Museen verbannt. Heute gilt Käthe Kollwitz als eine der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, selbst ein Asteroid ist nach ihr benannt, dazu zahlreiche Schulen, Plätze und Straßen im ganzen Land.

 

Gestern Abend brannte am Käthe-Kollwitz-Platz in Bautzen - erneut - ein Flüchtlingsheim, nur wenige Tage nach den schändlichen Vorfällen in Clausnitz. Zum wievielten Male musste ich das lesen? Zum wievielten Male musste ich allein in den letzten 14 Monaten lesen, dass Menschen in diesem Land um Leib und Leben fürchten mussten, nur aufgrund ihrer Herkunft. Zum wievielten Male musste ich lesen, dass in diesem Land einige so genannte Ordnungshüter ob aufgrund von Überforderung oder von falscher politischer Gesinnung selbst zu Tätern wurden? In diesem Land in dem ich in dem Glauben erwachsen werden durfte, dass die Würde des Menschen unantastbar sei und “sie zu achten und schützen Verpflichtung aller staatlichen Gewalt” ist. Ein Land in dem sich “das Deutsche Volk (…) zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt” bekennt.” Ein Land, dessen nationalsozialistische Vergangenheit noch immer wie ein Damoklesschwert als Mahnmal über dem Geist der Zeit schwebt oder zumindest schweben sollte. Ein Land in dem noch mehr als genug Menschen sich bester Gesundheit erfreuen, die die Schrecken des Krieges, der Vertreibung und Zerstörung am eigenen Leib erfahren haben. Ein Land, dass es sich zum Ziel gesetzt hat, die eigene Geschichte aufzuarbeiten statt zu verdrängen. Wie kann sich Geschichte in einem solchen Land so schnell wiederholen?

 

“Kanaken” werden nun wieder eingeteilt in “Flüchtlinge” und “Wirtschaftsflüchtlinge”. Die Einen haben in den Augen Einiger wenig Daseinsberechtigung, die Anderen überhaupt keine. Dabei vergessen viele dass sie selbst bei einem besseren Jobangebot sofort in eine andere Stadt ziehen würden. Wo liegt der Unterschied?

 

Viel drastischer mahnt jedoch die Tatsache, dass sich dass Wort “Flüchtling” schon so eingeschliffen hat, dass das Wort “Mensch” keine Rolle mehr zu spielen scheint. “Ein Bus voller Flüchtlinge wurde belagert, bespuckt und gepöbelt,” heißt es. “Ein Bus voller Menschen” sollte es eigentlich heißen. “Die Feuerwehr in Bauzen wurde an den Löscharbeiten eines Asylantenheimes gehindert während die Menge applaudierte,” heißt es. “Die Feuerwehr wurde bei Löscharbeiten eines Wohnhauses behindert während die Menge applaudierte” sollte es eigentlich heißen. Selbst der etymologische Ursprung des Wortes “Flüchling”, der Bezug auf “Flucht”, also unfreiwilliges Verlassen der Heimat, wird nicht einmal mehr wahrgenommen.

Dabei ist rechte Gewalt ist keine neues Phänomen, bereits seit den späten 80er Jahren gehört sie offenbar zu uns wie Sauerkraut und Leberwurst. Die Welt nannte Rostock -Lichtenhagen anno 1992 seinerzeit die “Rückkehr der Progrome”. Die Häufigkeit allerdings erschreckt mich. Nein, sie macht mir Angst. Laut Statistik des BKA gab es 2015 (bis zum 28. November) 1610 rechtsmotivierte Delikte, im Jahr zuvor "nur" knapp 900. Während es in den Jahren 2011-14 "nur" knappe 300 Übergriffe auf Flüchtlingsheime hab, waren es 2015 (erneut bis zum 28. November) 924, also 2,8 Übergriffe pro Tag!

Was hat sich geändert in diesem Land? Was hat sich geändert, dass diesen gewaltigen Rechtsruck großer Teile der Bevölkerung erklärt? Was hat sich geändert, dass plötzlich alle “besorgt” sind um dieses Land und gleichzeitig mit den Auswüchsen ihrer “Besorgtheit” die Mauern des Grundgesetzes zu erschüttern bereit sind? Ich bin ratlos und verängstigt. Ich sehe die Zeichen der Zeit und kann dennoch nicht glauben was ich da sehe. Ich sehe Wahlumfragen und die Zahlen der AfD und kann nicht glauben, dass derart viele Menschen auf plumpe Parolen und rechte Stimmungsmache hereinfallen. Ich weigere mich zu glauben, dass dies unsere Zukunft sein soll. Ich weigere mich zu glauben, dass aus uns wieder ein Land wird, in denen Menschen aufgrund ihrer Herkunft Angst haben müssen. Wir, das Land der Dichter und Denker stehen einmal mehr vor einer Weggabelung und müssen entscheiden ob wir in die Dunkelheit abtauchen oder ob wir Menschlichkeit siegen lassen.

 

Dabei sind wir nicht alleine, in Großbritannien versteckt sich David Cameron hinter seiner Verantwortung, in den USA hat Donald Trump mit Themen wie “Mauer gegen Mexiko” und “Ausweisung von Ausländern” offensichtlich großen Erfolg im Wahlkampf. Beängstigend, dass selbst der Papst sich genötigt sieht hier das Wort zu ergreifen und sich in tagespolitisches Geschehen einzumischen (wenn gleich leider ohne unmittelbaren Erfolg).

 

Mehr denn je braucht es Zivilcourage, mehr denn je braucht es Hoffnung. Mehr denn je braucht es Engagement, mehr denn je braucht es Aufklärung. Mehr denn je brauchen wir Menschlichkeit statt Hass und Brücken statt Mauern. Mehr denn je brauchen wir Offenheit statt Grenzen - sowohl im Geist als auch in der Geographie - und mehr denn je braucht es Menschen wie Käthe Kollwitz. Um es mit den Worten von Reinhard Mey zu sagen: “Ich rede und ich singe und wenn es sein muss, werd’ ich schreien!”

Schweigt nicht. Redet, singt, schreit, rotzt, motzt, tobt, zürnt, mischt euch ein! Wirkt in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind.

 

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