So kurz vor der Wahl...

September 22, 2017

Liebe Freunde,

weil es einfach wirklich wichtig ist gibt es nochmal einen längeren Post von mir zum Thema Bundestagswahl. Der Wahlkampf zeigt deutlich, es ist keine Wahl wie jede andere. Ebenso wie in den USA haben auch in Deutschland (wenn auch in der Intensität abgschwächt) Emotionen den Inhalten den Rang abgelaufen. Vielen, so scheint es, geht es schon lange nicht mehr darum eine Partei zu wählen die ihre Interessen vertritt, sondern vielmehr über ihren Stimmzettel Protest und Wut auszudrücken.

Die Wut ist verständlich. Der “besorgte Bürger” wurde zu lange belächelt, ihm wurde zu oft das Gefühl gegeben seine Ängste seien für das politische Geschehen nicht von Bedeutung. Das war ein Fehler den sich die so genannten Altparteien ankreiden müssen. Auch ich bin, wie wohl so viele, schuldig, die Sorgen jener die jeden Montag auf die Straße gingen abgetan zu haben. Dabei habe ich, wie eben auch die Politik eines vergessen: Sorgen und Ängste sind irrational und daher immer ernst zu nehmen. Einem Kind, welches weint weil es die Mutter im Kaufhaus verloren hat sagt man ja auch nicht es solle sich einmal nicht so anstellen und die Sache nüchtern betrachten. Aus Sorge ist in vielerlei Hinsicht Frustration, Wut und mancher Ortens sogar Hass geworden, eine Suppe, die wir jetzt wohl oder übel politisch auslöffeln müssen. Am Sonntag wird allen Anschein nach die AfD in den Bundestag einziehen.

 

Zwei Herzen schlagen hier in meiner Brust. Der Demokrat in mir sagt, dass der Willen des Volkes unser oberstes Gut ist und wenn ein großer Teil des wahlberechtigten Volkes glaubt, es sei mit der AfD gut vertreten, dann muss man das wohl oder übel akzeptieren und damit arbeiten. Der Humanist in mir sagt, dass der Einzug der AfD in den Bundestag ein Armutszeugnis für unser Land darstellt. Warum?

Weil Teile von uns, dem Land der Dichter und Denker, dabei sind, Angstmachern, Parolenschreiern und Bauernfängern auf den Leim zu gehen, deren wahre politische Agenda sich von Tag zu Tag mehr als braune, nationalistische Fratze entblößt. Gab man sich im Wahlprogramm (laut Studie der Universität Hohenheim das am kompliziertesten zu lesende aller Parteien, vgl. Quelle) noch (mehr oder weniger erfolgreich) Mühe möglichst souverän und demokratisch zu klingen, so ist an den Äußerungen einiger derer, die in den Bundestag einziehen werden eindeutig die wahre Gesinnung zu erkennen.

Wenn Jens Maier von der AfD Dresden den bevorstehenden Einzug in den Bundestag als “größten Erfolg seit 1945” propagiert und den norwegischen Mörder Anders Breivik als Opfer verfehlter Migrationspolitik darstellt…

 

Wenn Alexander Gauland Jerome Boateng nicht als Nachbarn haben will, im Zuge der Empörung dann angibt Boateng nicht gekannt haben zu wollen…

Oder wenn eben jener Herr Gauland die “Entsorgung” von Aydan Özoguz fordert…

Wenn Alice Weidel sich erst halbgar, dann gar nicht mehr gegen den Leak einer eMail wehrt, in dem sie behauptet wir werden von “Schweinen und Marionetten der Siegermächte” regiert und vor einer “Überschwemmung durch kulturfremde Völker” warnt…

Wenn Alexander Poggenburg politisch linksorientierten den Zugang zu Hochschulen verweigern möchte und sie als “Wucherung am deutschen Volkskörper” bezeichnet, den es gilt “loszuwerden”…

Wenn Markus Frohnmeier davon spricht nach der Wahl “aufzuräumen und auszumisten”…

Wenn Beatrix von Storch offen den Schießbefehl an deutschen Grenzen fordert und bei Facebook postet, dass sie einer Aussage zustimme, dass dieser auch für Frauen und Kinder gelten solle….

Wenn Björn Höcke das “Reproduktionsverhalten des Afrikaners” anprangert, eine Neuausrichtung der deutschen Erinnerungskultur fordert und bewusst ein Vokabular nutzt, welches das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung als “NS-Rhetorik” entlarvt (Quelle)…

… dann ist die braune Soße die diese Partei durchzieht deutlich zu erkennen.

Dennoch, liebe AfD Wähler… Ich habe viele von euch im Fernsehen gesehen. Ihr wart wütend, eure Augen waren voller Zorn und Hass und eure Stimme bebte auch wenn ihr euch bemühtet ruhig zu sprechen. Ihr fühlt euch mißverstanden, ignoriert und fürchtet euch vor Zuwanderung. Ihr habt Sorge um eure Finanzen, lebt vielleicht sogar in Armut (egal ob verschuldet oder unverschuldet). Ihr seid entschlossen ein Ausrufezeichen zu setzen am Montag, es den Oberen einmal richtig zu zeigen. Bevor ihr das tut, bitte lest noch einmal genau das Programm der Partei die ihr im Begriff seid zu wählen und ihr werdet vielleicht feststellen, dass die AfD gar nicht so wirklich DIE Partei ist, die sie vorgibt zu sein.

Im Programm steht nämlich nicht viel von Entlastung des Mittelstandes. Da ist eher was von Steuerkürzungen für “die da oben” zu lesen, von Kürzungen bei Hartz IV und bei den Sozialleistungen. Ist ja klar, von irgendwas müssen die schließlich die Aufrüstung der Bundeswehr bezahlen, die sie eben auch fordern. Das kann nicht in eurem Sinne sein, oder?

 

Gerade wenn es um Migration geht… Überprüft die Zahlen die euch um die Ohren gehauen werden und die euch Angst machen. Sind die wirklich realistisch? Ihr kritisiert die Presse, schön und gut, warum seid ihr nicht ebenso kritisch bei dem was euch von Seiten der AfD als Fakt präsentiert wird?

Politik ist komplex und komplexe Zusammenhänge sind angsteinflössend. Für jeden, nicht nur für euch. Für jeden. Komplexe Probleme bedürfen auch komplexer Lösungen. Warum seid ihr kritisch bei jedem der komplexe Lösungen anbietet und rennt denen hinterher, die euch durch Fingerzeig und Anschuldigungen, durch Anschwärzen und Beleidigungen einfache Lösungen vorgaukeln.

Ihr wehrt euch dagegen als Nazis bezeichnet zu werden. Ihr habt ja auch eigentlich nichts gegen Ausländer, aber… ja, … aber… ihr seid nur so gut wie die Menschen mit denen ihr euch umgebt. Ich kann mich nicht in einen FC Bayern Fanblock stellen, mit den Bayern bei Toren jubeln und mich dann ernsthaft wundern, wenn mich jemand als Bayern Fan bezeichnet (nur für’s Protokoll, ich propagiere hier selbstverständlich NICHT eine Gleichung Bayern = AfD!). Wollt ihr nicht als Nazi bezeichnet werden, dann zeigt offen das ihr keine seid und wählt eben nicht eine Partei, die offen rassistisch, völkisch (nicht positiv konnotiert) oder nationalistisch argumentiert.

 

Wenn all das, das völkische, das nationale, das historisch-verblendete wirklich, WIRKLICH, eurem Gedankengut entspricht und ihr euch auch nach dem Studium des Wahlprogramms noch immer bei der AfD gut aufgehoben fühlt oder wenn ihr wirklich derart wütend seid, dass ihr mit all dem oben geschriebenen in Verbindung gebracht werden möchtet. Wenn ihr euren Kindern auch in zwanzig Jahren noch erklären möchtet, dass ihr euch nicht distanziert habt von dieser Ideologie. Wenn ihr auch nach sorgfältiger Abwägung und mit einem kühlen Kopf das immer noch für eine gute Idee haltet, dann bitte, macht von eurem demokratischen Recht Gebrauch und wählt die AfD. Danach entliked dann meine Seite, denn Menschen die all das oben geschriebene tolerieren oder sich sogar damit identifizieren, die möchte ich hier eigentlich nicht sehen.

 

Allen anderen, bleibt politisch, bleibt kritisch und bleibt vor allem auch nach der Wahl weiter aktiv. Politik endet nicht zwei Tage nach der Bundestagswahl. Um es mit Konstantin Wecker zu sagen: “Tobe, zürne, misch dich dich ein!”

 

Danke für’s Lesen, danke für eure Zeit.

 

x
JA

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Featured Posts

'WHATEVER HAPPENS' EP - Limited Release

June 19, 2018

1/10
Please reload

Recent Posts

December 31, 2019

November 18, 2019

October 25, 2019

December 31, 2018

June 11, 2018

Please reload

Archive
Please reload

Search By Tags

I'm busy working on my blog posts. Watch this space!

Please reload

Follow Us
  • Apple Music - White Circle
  • iTunes - White Circle
  • White Facebook Icon
  • White Instagram Icon
  • White Twitter Icon
  • White Facebook Icon
  • White Instagram Icon
  • Twitter
  • Apple Music - White Circle
images.png

© 2020 by JOHN ALLEN.