Eine Frage des Systems, nicht der Relevanz.




Vielleicht mag die Aussage, dass sich systemische Probleme erst in Krisenzeiten zeigen übertrieben sein, ein Stück Wahrheit verbirgt sich dahinter allerdings schon. Natürlich wird niemand ernsthaft bestreiten können, nicht um die Schwächen des Gesundheitssystems gewusst zu haben. Wer einen Blick in Krankenhäuser oder in Pflegeheime wirft, merkt schnell, was hier seit Jahrzehnten aus dem Lot geraten ist. So ermittelte die Hans-Böckler-Stiftung 2019 das in Deutschland auf eine Pflegekraft 13 Patienten kommen - weltweiter Spitzenwert. Die Gründe für den Mangel an ausgebildeten Pflegekräften und für die dadurch entstandene schon als kafkaesk zu bezeichnende Verteilung von Patienten auf Pfleger und die teils miserablen hygienischen Bedingungen sind vielfältig und reichen von schlechter Bezahlung über unmenschliche Arbeitszeiten bis hin zu unzureichender gesellschaftlicher Wertschätzung.

Alleine die Tatsache, dass an die Gesundheit von Menschen ein gewinnorientierter Markt angeschlossen ist, ist für sich genommen inhuman und wider jeder sozialen Gerechtigkeit. Das wir im internationalen Vergleich in Deutschland noch verhältnismäßig gut dastehen, ist aus dem Zusammenhang gegriffen vielleicht positiv zu bewerten, realistisch und gesamtheitlich betrachtet muss man allerdings konstatieren, dass wir lediglich die besten Konkursverwalter eines Systems sind, das längst jegliche Form von Fairness und Humanität vermissen lässt. Nicht nur Patienten, auch Ärzte, Pflegekräfte, Krankenschwestern, etc. werden unter dem Deckmantel der Effizienz und der Wirtschaftlichkeit sträflich im Stich gelassen. Diagnose: Kapitalismus im Endstadium.

Seit Ausbruch der Corona Krise rückt diese Mangelverwaltung zunehmend in den Mittelpunkt und Teile der Gesellschaft reagieren mit regelmäßigem allabendlichem Klatschen. Zwar hilft das den “Helden an der Front” emotional, ein Ersatz für jahrelange Ausbeutung und fahrlässige Vernachlässigung kann das nicht darstellen. Auch angedachten Konzepte wie eine einmalige Sonderzahlung oder zusätzliche Urlaubstage können nur schwer darüber hinwegtäuschen, dass wir nicht an den kleinen, sondern an den großen systemischen Stellschrauben drehen müssen, wollen wir in Zukunft eine gerechtere, eine sozialere Gesellschaft sein. Will man der Krise etwas Positives abgewinnen, dann vielleicht, dass es unmöglich erscheint, die Folgen dieser Misswirtschaft weiter, sei es bewusst oder unbewusst, zu ignorieren.

Niemand wird dieser Tage mehr ernsthaft die Relevanz medizinischer Fachkräfte für die strukturelle Aufrechterhaltung einer Gesellschaft in Frage stellen. Dennoch kann nicht überbetont werden, dass auch andere Gruppen systemrelevant sind. Neben vielen anderen, seien es Kassiererinnen und Kassierer, Polizistinnen und Polizisten, Feuerwehrfrauen und -Männer muss ich hier, allein schon aus Eigeninteresse die Künstler nennen.

Wir Künstler sind es, die, gerade in Krisensituationen, einen Ausweg bieten aus dem Einerlei der Ausgangsbeschränkungen. Wir Künstler sind es, die den Finger in die Wunden der Gesellschaft legen und auf die Missstände aufmerksam machen, die anderweitig übersehen werden würden. Es sind wir Musiker, wir Dichter, wir Kabarettisten, wir Schriftsteller, wir Cartoonisten, wir Drehbuchautoren, wir Schauspieler, wir Maler, wir Fotografen, die Ablenkung schaffen, die im selben Maße wie Pflegekräfte für das körperliche Wohl, maßgeblich für das seelische Wohl der Bevölkerung sorgen. Wir Künstler sind systemrelevant. Wer dies bezweifelt möge sich bitte eine Welt vorstellen, in der keine Museen, keine Konzerte, kein Kino, kein Theater und auch keine Bücher existieren. Die Wände kahl, die Wohnung still, im Fernsehen nur Nachrichten und der Wetterbericht und im Internet kein YouTube, kein Spotify, keine Podcasts und kein Netflix. Die folgende Aussage hat keine Allgemeingültigkeit, sie gibt lediglich meine eigene Meinung wieder: Auf H&M, auf Adidas und auf Einkaufszentren im Allgemeinen kann ich gut verzichten. Dafür gibt es Alternativen, auch für die damit verbundenen Arbeitsplätze. Auf den kleinen Einzelhandel, auf eine ausgeruhte, motivierte, gerecht bezahlte Pflegekraft, auf motivierte Lehrer und Professoren und auf jegliche Form von Kunst kann ich nicht verzichten. Oder, wie Dostojevski sagt: "Kunst ist für den Menschen genauso ein Bedürfnis wie essen und trinken."

Gleichzeitig sind es wir Künstler, die gerade im Stich gelassen werden. Nur wenige Bundesländer haben sich überhaupt dazu geäußert wie und unter welchen Bedingungen freischaffenden Künstlern unter die Arme gegriffen werden kann. Aktuell ist nicht abzusehen, wie lange wir Konzerte und Lesungen absagen müssen, wie lange dadurch der Verkauf von Büchern, Tonträgern und Merchandise-Artikeln stark eingeschränkt sein wird. Aktuell ist nicht abzusehen, wie lange Dreharbeiten stark beschränkt werden oder Kinos und Theater nicht im Regelbetrieb laufen können. Aktuell ist nicht absehbar, wie die Clubszene nach Corona aussehen wird und ob es, wenn es denn einmal wieder möglich sein wird, gefahrlos eine Tournee zu spielen, für all die Kleinkünstler noch genügend Auftrittsmöglichkeiten gibt. Es ist für eine abwechslungsreiche und unabhängige Kulturszene, fernab von megareichen Granden wie Rihanna und Konsorten, unablässig, dass hier breit gefächert und unkompliziert finanziell unterstützt wird. Wir, die sogenannten “Kleinkünstler", sind die Abwechslung fernab des Mainstream. Wir sind diejenigen, die Ideen schaffen, die später aufgegriffen zu globalen Trends werden. Wir, die Verlierer der Streamingportale, sind die Arbeiter an der Basis der kulturellen Globalisierung, die Kämpfer gegen den Einheitsbrei. Wer sich jetzt nicht um uns bemüht, wer sich jetzt nicht für uns Künstler und die lokale Clubszene einsetzt, dem wird man zu Recht vorwerfen müssen, den ohnehin schon lange eingeleiteten schleichenden Tod der Kulturszene weiter zu beschleunigen. Wer sich jetzt nicht um uns bemüht, arbeitet aktiv gegen eben jene vielfältige und abwechslungsreiche Kulturszene, die unsere Gesellschaft sowohl verbessert als auch verdient. So schön es ist, zu sehen, wie viele kreative Spendenaufrufe gestartet werden und wie viele Zulauf GoFundMe und Crowdfunding Kampagnen von Künstlern und Clubs haben, so traurig ist es doch, dass das in einem Land, dass es sich erlauben kann, in Milliardenhöhe Banken zu retten und Waffen zu kaufen, wirklich notwendig ist.

Angesichts der Tatsache, dass nicht nur Künstlern und Pflegekräften, sondern auch zahlreichen anderen aktuell um ihre Existenz fürchtenden Selbstständigen nicht nur kurz- sondern auch langfristig mit einem bedingungslosen Grundeinkommen geholfen wäre, erscheint es schon absurd, dass in einem Staat der sich sozial gerecht schimpft und sich in der Tradition von Dichtern und Denkern versteht, nicht längst von höchster Seite mit Nachdruck diskutiert und an einer Realisierung gearbeitet wird. Stattdessen werde solche Vorschläge noch immer viel zu häufig in die links-kommunistische Ecke verbannt, insbesondere weil Kritiker befürchten, das Volk zu Müßiggang und Faulheit zu erziehen. Ein absurder Generalverdacht, der nicht nur unterstellt, dass Menschen nicht arbeiten wollen, sondern auch, im Falle von Künstlern, dass sie im Grunde gar nicht wirklich arbeiten. Nebenbei entlarvt er, welches Menschenbild unserer Gesellschaft nur allzu oft zu Grunde liegt: Gut und relevant ist final nur, was sich wirtschaftlich rechnet. Ein neoliberales Trauerspiel bei dem am Ende die vielbesungene und immer wieder allseits beschworene Freiheit zu Grunde geht, denn wie Friedrich von Schiller sagte: “Kunst ist die rechte Hand der Natur. Diese hat nur Geschöpfe, jene hat Menschen gemacht. […] Die Kunst ist die Tochter der Freiheit.” Wer die Kunst nicht schützt, an dessen Händen klebt über kurz oder lang das Blut der Humanität und der Tod der Freiheit. Ein System in dem Kunst nicht relevant ist, ist schlichtweg ein System in dem es sich nicht zu leben lohnt.



Doch Zyniker versuchen bereits, unterschiedliche unterstützungswürdige Gruppen in ihrer Relevanz gegeneinander auszuspielen. Einem Post der AfD Fraktion Sachsen war zu entnehmen, dass man lieber Familien finanziell unterstützen solle, statt Künstlern Grundeinkommen zu zahlen. Auf Dauer können wir als Gesellschaft aber nur gesunden, wenn wir der Kunst ihre rechtmäßige und verdiente Rolle zurückgeben und unser System in vielerlei Hinsicht massiv neu denken, nämlich weg von grenzenloser Gewinnorientierung und Privatisierung, hin zu fairen Arbeitsbedingungen, zu gerechter und angemessener Bezahlung, Wertschätzung der geleisteten Arbeit (ja, auch Künstler “arbeiten”) und ja, auch zu anständiger Unterstützung von Familien, kurz: Hin zu einem bedingungslosen Grundeinkommen. Nicht, dass es mich wundert, dass ein solches Statement ausgerechnet von der AfD kommt, deren politisches Kernkampfmittel ja ohnehin die Spaltung der Gesellschaft in Gut und Böse ist. Die wahre Qualität von Gesellschaften hingegen bemisst sich in ihrer Sozialität und ihrer Solidarität unter- und zueinander. Ein Gegeneinanderausspielen verschiedener gesellschaftlicher oder beruflicher Gruppen schafft hier weder die Lösungsansätze, die es braucht, um diese, noch um zukünftige Krisen zu meistern und dabei das weitere Auseinanderdriften der Gesellschaft zu verhindern. Denn sozial zu sein bedeutet, dass sich Stärkere zugunsten der Schwächeren solidarisch zeigen und Abstriche in Kauf nehmen und nicht, dass Stärkere Schwächere gegenseitig ausspielen um ihre eigene Stärke und ihren eigenen meist finanziellen Status Quo zu manifestieren. Sozial zu sein bedeutet, nicht nur, aber insbesondere in Krisenzeiten diejenigen bedingungslos zu unterstützen, die Unterstützung benötigen. Sozial zu sein bedeutet auch, dass wir akzeptieren, dass sich nicht jeder Verdienst an der Gesellschaft wirtschaftlich bemessen und dass wir auch dem sowohl emotionale als auch finanzielle Wertschätzung entgegenbringen, was sich nicht in seinem Wert exakt bilanzieren lässt, sei es die Zeit, die eine Pflegekraft für einen Patienten aufbringen kann oder ein Künstler, der mit seiner Kunst anderen Menschen Glück, Verständnis oder Ablenkung von ihren Problemen verschafft. Sozial zu sein bedeutet, dass wir uns nicht fragen, ob und unter welchen Umständen jemand finanzielle Grundsicherung verdient, weil wir davon ausgehen, dass es ausnahmslos jedem Mitglied unserer Gesellschaft zusteht, bezüglich seiner Grundbedürfnisse sorgenfrei und ohne Existenzangst abgesichert zu sein. Sozial zu sein bedeutet im Übrigen auch, dass wir akzeptieren, dass es eine Dunkelziffer an Menschen geben wird, die dieses System ausnutzen, so wie es auch jetzt bereits eine Dunkelziffer an Menschen gibt, die Sozialleistungen ausnutzen. Wenn wir also die soziale Gesellschaft, das soziales System sein wollen, in dessen Ruf wir uns sonnen, müssen wir zwangsläufig in vielerlei Hinsicht umdenken. Dieser Prozess muss damit beginnen, dass wir aufhören zu fragen, wessen Dienste wie hoch- oder niedrigprozenzig relevant für das System sind und stattdessen beginnen, unsere an vielen Stellen sowohl menschlich als auch systemisch marode Vorstellung von Gesellschaft nach sozialeren Gesichtspunkten neu zu denken.

Während ich noch diese Zeilen schreibe, flattert die Nachricht ins Haus, dass der Bund zumindest über Ausfallhonorare für Künstler berät. Nicht der große Wurf, nicht die Lösung all unserer Probleme. aber ein guter und wichtiger erster Schritt. Es gibt also noch Hoffnung.



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