Niemals vergessen.

Statement zum 75. Jahrestag des Kriegsendes.


Ich habe es für mich zur Gewohnheit gemacht, meinen Morgen mit einer Tasse Kaffee und der Zeitung im Bett zu verbringen. Nun, eigentlich mit dem iPad, denn ich habe ein Digital Abo, aber sei es drum. Es entspannt mich und entschleunigt meinen Tag. Egal wie früh ich einen Termin habe oder wann mich etwaige Pflichten aus dem Haus oder an den Schreibtisch rufen, ich plane meinen Wecker so, dass ich zuvor eine gute Stunde Zeit im Bett verbringen kann.

Beim Durchwischen der Zeitung (ja, blättern ist dann auf dem Tablet eher schwierig) fiel mir heute morgen ein Zitat von Alexander Gauland ins Auge. Ausgerechnet heute. Ich gebe es gerne zu, in den vergangenen Wochen, vielleicht eine der positivsten Nebenwirkungen von Corona, war es ruhig geworden um die AfD und vermisst habe ich ihr Geplärre und ihr destruktives, spaltendes Gehabe nicht. Aber heute. Ausgerechnet heute. Am 8. Mai, dem Tag des offiziellen Kriegsendes. 75 Jahre ist das her, ein Dreiviertel Jahrhundert, dass wir Deutschen uns erstmals vor aller Weltöffentlichkeit mit dem Grauen konfrontiert sehen mussten, was Teile unserer Vorfahren verbrochen hatten. Ausgerechnet heute.


Angesprochen auf eine Initiative der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano, den 8. Mai zum Feier- und Gedenktag zu erklären, wohlgemerkt, eine Initiative, die nicht nur breiten Zuspruch aus der Politik, sondern auch schon von knapp über 100,000 Menschen unterzeichnet worden ist, erklärte Herr Gauland, er sei gänzlich dagegen, denn der 8. Mai sei vor allem “auch ein Tag der absoluten Niederlage, ein Tag des Verlustes von großen Teilen Deutschlands und des Verlustes von Gestaltungsmöglichkeit” gewesen. Und weiter: “Man kann den 8. Mai nicht zum Glückstag für Deutschland machen”, denn es gäbe zwar durchaus Positives am 8. Mai, “aber die in Berlin vergewaltigten Frauen werden das ganz anders sehen als der KZ-Insasse”. So fassungslos mich diese Aussage und dieser Vergleich hinterlässt, so klar muss man konstatieren, dass die sogenannte bürgerliche Mitte der AfD hier nicht zum ersten und bestimmt nicht zum letzten Mal ihre wahre Fratze zeigt.

Ob wir wirklich einen Feiertag zum 8. Mai brauchen oder nicht, das sei dahingestellt. Wenn ich ehrlich bin, habe ich dazu keine wirkliche Meinung, denn wie bei den meisten anderen Feiertagen auch, wird der eigentliche Hintergrund des Tages wahrscheinlich ohnehin in Vergessenheit geraten. Oder erinnert sich jemand ad hoc was genau an Pfingsten gefeiert wird? (Um nicht googeln zu müssen: Pfingsten stammt aus dem Griechischen und bedeutet ’50. Tag’ und bezieht sich auf den 50. Tag der Osterzeit, also die Entsendung des heiligen Geistes, ergo die Gründung der Kirche” - und ja, ich musste das auch nachlesen). Ebensowenig wie ich einen Muttertag brauche um an meine Mutter zu denken, bräuchte ich den 8. Mai um mich an die Befreiung von Auschwitz zu erinnern. Vielleicht bin ich hier aber auch nicht der Maßstab, immerhin bin ich Historiker. Vielleicht wäre es in der Tat für die breite Gesellschaft ein wichtiges und wertvolles Statement, gerade in diesen Zeiten.

Viel wichtiger noch, als den 8. Mai als Feiertag in unseren Kalender zu integrieren, wäre es aber doch, dass wir nicht nur an Jahrestagen und nicht nur an (traurigen) Jubiläen eine aktive Erinnerungskultur betreiben. Dass wir mit unseren Kindern nicht nur ernsthaft darüber sprechen, wie schlimm alles war, sondern vor allem wie es dazu kommen konnte, dass aus einer Demokratie in Windeseile eine Diktatur wurde. Wie es dazu kommen konnte, dass weite Teile eines Volkes zumindest tolerieren, dass Menschen aus seiner Mitte gerissen und umgebracht werden und wie wichtig Völkerverständigung, Zivilcourage und Nächstenliebe sind.

Viel wichtiger wäre, dass wir als Gesellschaft zeigen, an unserer Geschichte gewachsen zu sein und aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben und das beinhaltet zweifelsohne auch, nationalsozialistisches Gedankengut und dem Spiel mit rechter Ideologie mit demokratischen Mitteln einen Strich durch die Rechnung zu machen. Denn einmal mehr wird heute klar: Wer AfD wählt, aus welchem Grund auch immer, toleriert und unterstützt eine Partei in der reaktionär-konservatives, faschistisches Gedankengut zum Ton der “Mitte” gehört. Ich kann diese halbieren Ausflüchte, von wegen "ich bin ja kein Nazi, aber..." ebensowenig mehr ertragen, wie Menschen, die mir weiß machen wollen, die AfD aus "Protest" zu wählen. Wie Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahre richtig resümiert: “Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist.”

Ob mit Feiertag oder ohne: Das Credo “niemals vergessen” sollte uns, mit all seinen Konsequenzen, nicht nur, aber auch am heutigen 8. Mai begleiten. Ich sage das im übrigen nicht nur aus reiner Nächstenliebe, sondern auch aus blankem Egoismus. Der Kaffee im Bett schmeckt einfach besser, wenn ich rechtsnationale Verbalinjurien wie die von Herrn Gauland und Co. morgens nicht mehr in der Zeitung lesen muss.



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