Der verlorene Kampf


Viel steht auf dem Spiel bei den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten. Ein vernunftbasierter Umgang mit der Pandemie, die amerikanische Mitgliedschaft im Pariser Klimaabkommen und in der WHO. Aktuell scheint es, als könnte Joe Biden im Kampf um das Electoral College denkbar knapp die Oberhand behalten. Nevada, Arizona, Georgia, Pennsylvania, North Carolina - sie alle könnten sich am Ende der Auszählungen um jeweils maximal einen Prozentpunkt unterscheiden und noch immer jederzeit das Rennen um das Weiße Haus für beide Kandidaten entscheiden. Schon jetzt steht allerdings fest, dass, unabhängig davon wer im Januar eingeschworen wird, die Vereinigten Staaten den größten Kampf bereits verloren haben.

Es ist Anfang Oktober, ein goldener Herbst im Geburtsstaat der amerikanischen Demokratie. Hier, in Gettysburg, Pennsylvania, etwa eineinhalb Autostunden nördlich von Washington D.C. hatte Abraham Lincoln, der Urvater der Vereinigten Staaten im November 1863, viereinhalb Monate nach Ende des Bürgerkrieges, seine wohl berühmteste Rede gehalten, deren Titel den Ortsnamen trägt: die Gettysburg Address. Um Freiheit ging es ihm, um Einigkeit und darum, dass die Toten nicht umsonst gestorben seien, sondern ihr Leben für eine Regierung des Volkes für das Volk und durch das Volk gegeben hätten.

Es ist ein symbolträchtiger Ort, den Joe Biden für diese Wahlveranstaltung gewählt hat. Gettysburg steht wie kaum ein anderer Ort Amerikas für die Zusammenführung der ehemals verfeindeten Süd- und Nordstaaten, für den Versuch, Brücken über schier unüberbrückbare Risse zu bauen, die sich durch eine geteilte Nation zogen. Es scheint, als habe sich kaum etwas verändert seit 1863, auch wenn die Szenerie etwas anderes verheißt. Die kleine, schmucklose Bühne, auf der Biden steht, ist eingerahmt von der idyllischen Hügellandschaft Pennsylvanias. Es ist, wie bei Lincoln, ein sonniger, freundlicher Nachmittag. Eine leichte Brise weht sanft durch die Nationalflaggen, die bei keinem Wahlkampfauftritt fehlen dürfen. Auf Biden’s Rednerpult, werbewirksam platziert, prangt nebst einer Spendennummer sein Slogan. BATTLE for the SOUL of the NATION. Um nichts weniger geht es ihm als um den Kampf um die Seele der Nation. Joe Biden, der ergraute Kandidat der demokratischen Partei, bei einem Wahlerfolg wäre er der älteste jemals ins Amt gewählte Präsident, wiederholt beinahe mantra-artig und auswendig gelernt seine Kritik an Trump, erklärt in amerikanischen Wahlkampfphrasen, warum er der bessere Kandidat ist und beschwört den Geist von Lincoln herauf, wenn er verspricht: “Ihr müsst nicht mit allem übereinstimmen, was ich zu sagen habe, aber […] Ich werde ein Präsident für ganz Amerika sein.” Joe Biden, der Pontifex Maximus aus Scranton.

Glaubte man Umfragen vor der Wahl, sollte Joe Biden diesen Kampf um die Seele der Nation beinahe erdrutschartig gewinnen. Florida, Wisconsin, Pennsylvania, Michigan, Nevada, in all diesen Staaten führte Biden klar, teils zweistellig. Der moralische Kompass der ältesten Demokratie, so schien es, ist intakt, er zeige eindeutig in die richtige Richtung. Jetzt, zwei Tage nach der Wahl, noch vor Bekanntgabe der endgültigen Ergebnisse, noch bevor abzusehen ist, ob Joe Biden Präsident Nummer 46 wird, oder ob Donald Trump vier weitere Jahre herumregieren darf, ist klar, der Kampf um die amerikanische Seele ist verloren. Bereits jetzt betonen die Demokraten in den sozialen Netzwerken, Joe Biden habe die höchste Anzahl an Stimmen erhalten, die jemals ein amerikanischer Präsident für sich habe beanspruchen können, sogar drei Millionen mehr als Barack Obama bei seinem Sensationssieg 2008 gegen John McCain. Dabei blenden sie aus, dass auch Donald Trump bei dieser Wahl nur knapp unter der bisherigen Bestmarke des 44. Präsidenten liegt, dass auch Trump bei dieser Wahl im Vergleich zu 2016 im Popular Vote fast sechs Millionen Stimmen hinzugewonnen hat.

Und genau hier zeigt sich das zentrale Problem: Mit ein bisschen Glück werden die Demokraten zwar den politischen Kampf für sich entscheiden und in den kommenden vier Jahren das höchste Amt im Staat begleiten, den moralischen Sieg aber, den konnten sie nicht erringen. Beinahe 69 Millionen Staatsbürger haben vor der Abstimmung zurückgeschaut auf die vergangenen vier Jahre, auf die Lügen, die Intrigen, den systemischen Rassismus, auf einen Präsidenten der menschenverachtende Tweets in die Welt schickt, den Klimawandel leugnet, politische Gegner beleidigt, über Bleichmittel als Corona-Heilmittel sinniert, der androht, eine Wahlniederlage nicht anzuerkennen und haben bestenfalls trotzdem, schlimmstenfalls gerade deswegen für Donald Trump gestimmt. Dazu kommt, dass Donald Trump keinesfalls alleine von weißen Männern gewählt wird. Bei fast allen Wählergruppen hat er zulegen können, bei farbigen Frauen und Männern, bei Hispanics, bei Latinos, sogar bei weißen Frauen mit College-Abschluss. Einzig bei jenen oft zitierten weißen Männern (ohnehin seine stärkste Wählergruppe) und asiatisch-stämmigen Staatsbürgern hat er Stimmen verloren. Das Phänomen Trump zieht sich also durch alle Altersklassen und Schichten und lässt sich somit keineswegs auf einen einzelnen Bevölkerungsteil reduzieren. Daraus ergibt sich, dass selbst wenn Joe Biden diese Wahl für sich entscheidet, “this is not who we are” - “so sind wir nicht” - hat als Argument ausgedient. Nach vier Jahren Trump sind knapp weniger als 50% der Bevölkerung der Beweis dafür, dass Amerikas zutiefst gespalten ist, das Rassismus akzeptiert, wenn nicht gar gewollt ist und dass die Seele des Landes in ihrem Kern verfault.

Schlimmer noch, die moralisch marode Hälfte des Landes wird auch unter einem möglichen Präsidenten Biden den Ton angeben und die kleine progressive und weltoffene Mehrheit auf Schritt und Tritt ausbremsen. Wie schon unter Obama wird der Senat, den die Demokraten nicht zurückerobern konnten, nicht nur die ambitionierten Klimapläne und die angestrebte Gesundheitsreform Bidens blockieren. Es ist, wie bereits seit mehr als 12 Jahren der Fall, ein Ausbleiben überparteilicher Zusammenarbeit zu erwarten, womit der Regierung Biden wenig bleiben wird, als mit präsidentiellen Dekreten zu regieren, die langfristige Weichenstellungen, die über eine Amtszeit hinausgehen unmöglich machen - ein Lame Duck ab dem ersten Tag. Wie das TIME Magazin dieser Tage so richtig schrieb, muss eben auch Joe Biden in Trumps Amerika regieren. Seine Versuche Brücken zu bauen werden dabei aller Voraussicht nach von den Presslufthämmern rechter Verschwörungstheoretiker, von den Sean Hannitys, Tucker Carlsons, von den Breitbarts und QAnons vom ersten Tag an eingerissen werden. Es ist der Hass und das Unverständnis, das Quoten bringt und Hochkonjunktur hat in einem Land, in dem der Riss sich nicht nur durch die Köpfe, sondern durch die Herzen (und Emotionen) der Menschen gezogen hat.

Seitens der Republikaner, der ehemals so ehrenwerten und stolzen Grand Ol’ Party, leistet man sich derweil mit der aus Georgia stammenden Marjorie Taylor Greene sogar eine überzeugte Anhängerin der QAnon Bewegung im Kongress.

In den vergangenen Tagen wird mir, wie vielen anderen auch, auf Twitter immer wieder vorgeworfen, Linke würde immer dann Faschismus rufen, wenn ihnen ein Wahlergebnis nicht passt. Wir könnten es einfach nicht ertragen, wenn ein Gegenkandidat gewinnt. Abgesehen davon, dass es Donald Trump ist, der seit Wochen Zweifel am demokratischen Prozess sät und mehrfach die Absicht geäußert hat, das Wahlergebnis nicht zu akzeptieren, so kann ich guten Gewissens sagen, dass ich mich zwar geärgert hätte, wäre die Wahl 2008 an McCain statt an Obama gegangen, oder 2012 an Romney statt Obama, dennoch hätte ich als Demokrat eine Wahlniederlage akzeptiert, auch deshalb, weil ich zwar in vielerlei Hinsicht anderer Meinung gewesen wäre als die genannten Kandidaten, ich mir aber am Ende dennoch sicher gewesen wäre, dass an der Spitze der neuen Regierung ein Präsident gestanden hätte, der von parteipolitischen Ansichten abgesehen, die Interessen des Landes über seine Eigenen stellt. Bei Donald Trump hingegen ist nach vier Jahren Amtszeit bewiesen (nicht, dass es diesen Beweis in irgendeiner Form gebraucht hätte), dass das System einzig auf Machterhalt ausgelegt ist, dass die GOP zu einer Trump-getreuen Abnickertruppe mutiert ist, die ihre eigenen Positionen und Traditionen schon lange zu Gunsten eines Kandidaten aufgegeben hat, der ihr kurzfristigen Erfolg beschert, aber langfristig die Seele der Demokratie zersetzt und alle diejenigen mit Dreck überzieht, die es wagen, nicht königstreu seine Plattitüden und Lügen zu verbreiten.

Es ist November geworden. Hier in Hamburg ist es kalt und unfreundlich. Der goldene Herbst ist ebenso wie die Hoffnung, die Biden vor wenigen Wochen in Gettysburg ausstrahlte, wie weggeblasen. Wie ein Besessener aktualisiere ich alle paar Minuten meinen Browser, in der Hoffnung auf gute Nachrichten. Schlimmer noch als die moralische Niederlage wäre es, käme die politische noch dazu. Noch einmal vier Jahre Trump könnte Amerika, könnte ich nicht ertragen. Ich kann nicht einmal sagen, warum mir das so nahe geht, warum Amerika für mich so viel mehr ist als ein strategisch wichtiger Handelspartner oder der Hauptfinanzier der WHO. Amerika war schon immer mein Utopia, in dem das Lächeln auf den Gesichtern der Menschen etwas heller schien als bei uns im Westerwald und in dem Toleranz und Freiheit regierten, in dem alles möglich war. “Only in America” hatte schlussendlich immer eine positive Konnotation. Auf einem Poster, das an der Tür eines meiner Literaturprofessoren an der Uni hing, war zu lesen. “God bless America - and please hurry!” Nichts wünsche ich mir sehnlicher als eine Rückkehr zur Vernunft - vielleicht auch, weil ich befürchte, dass Amerika, immer Sinnbild des Fortschritts, immer kultureller Vorreiter für Europa, uns auch in seiner jetzigen Zerrissenheit nur einen winzigen Schritt voraus ist.

Und wie sagte doch Abraham Lincoln in Gettysburg so richtig? “Diese Nation möge unter den Augen Gottes durch Freiheit neugeboren werden, auf dass sie niemals vom Angesicht der Erde verschwinde. Dies ist unsere Aufgabe. Dies ist unser Versprechen. Dies ist unsere Mission.” Oder war das doch Joe Biden? Ich weiß es nicht mehr. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es auch egal.

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