Die große Frage unserer Zeit - Ein TV Duell wie ein Autounfall.

Es ist gar nicht schwer zu erklären, warum ich schon immer ein Herz für amerikanische Politik hatte. Sie war einfach größer, pompöser, theatralischer als die oftmals dröge deutsch Politik. Amerikanische Präsidenten waren eben immer Schauspieler, auch wenn sie keine waren. Sie waren charismatisch, cool, sahen meist gut aus, waren im positiven Sinne Menschenfänger. Reagan, Clinton, ok, zwischendurch auch mal ein Sachbearbeiter wie Bush senior, aber insgesamt war das immer großes Kino, die weite Welt. Bonn war eben nicht Washington. Dass vieles kein Gold war, was über die Jahre in den USA geglänzt hat, ist zwar unbestritten, aber ein anderes Thema. Über meinem Schreibtisch hängt dennoch ein großes Foto von Bobby und John F. Kennedy, ein Foto von Kohl oder Schröder würde ich mir nicht aufhängen. Von Schmidt vielleicht schon, aber auch das ist ein anderes Thema.

So richtig angefangen hat es mit mir und dem Weißen Haus dann aber in der 11. Klasse. Ich erinnere mich noch genau an die beinahe emotionale Rede, die meine Englischlehrerin in der Oberstufe hielt, als George W. Bush 2000 im Wahlkampf gegen Al Gore antrat. Wir hatten im Politikkurs parallel eine Reihe zu Medienkritik begonnen (damaliger Schwerpunkt: Zeitung lesen) und so übertrieben mir die Worte von Frau Heep vorgekommen waren, so sehr schienen sie durch die wöchentlichen Artikel des Spiegels bestätigt zu werden. Bush v Gore war kein normaler Wahlkampf, es war eine Frage um die Zukunft des Planeten. Entsetzt, dass Bush gewonnen hat war ich nie, aber persönlich enttäuscht.

Das Entsetzen sollte sich erst vier Jahre später einstellen, nach dem 11. September, nach dem Beginn des Afghanistankrieges und Colin Powell’s unwürdiger Show vor dem UN Sicherheitsrat, nach dem Beginn des Irakkrieges. Ich war Student und wir waren sicher, John Kerry würde gewinnen. Noch einmal konnte Bush, in der Studentenschaft gern als der Gehörnte höchstpersönlich identifiziert, nicht die Wahl stehlen. Wir hatten alle gelesen und gelernt, wie chaotisch die Wahl in Florida abgelaufen war, mit welchen Mitteln Bush am Ende gewonnen hatte. Noch einmal, da waren wir uns sicher, würde Amerika dies nicht zulassen. Es war einfach eine Frage des Verstandes, dass man W. Keine weiteren vier Jahre im Amt zugestehen konnte. Allen Umfragen zum Trotz wachten wir am nächsten Morgen mit der Botschaft auf, Bush habe erneut gesiegt.

In die zweite Amtszeit von Bush fiel der Aufstieg Obamas. Sein Berlin Besuch. Die Rede. Yes We Can. Nach den acht dunklen Jahren Bush keimte Hoffnung auf. Amerika hatte seine Lektion gelernt. Die Wahl Obamas, meine erste Wahlparty, Euphorie. Der Campus voller HOPE Plakate. Der konservative und, so schien es im Wahlkampf, reaktionäre John McCain hatte am Ende wenig Chancen gehabt. Es war auch eine Frage um die Ausrichtung des Landes gewesen und Progression und Zuversicht hatten gesiegt.

So auch vier Jahre später. Ich war gerade nach Hamburg gezogen als Mitt Romney, der christliche Hardliner aus Utah, Obama herausforderte. Erneut schien es kein normaler Wahlkampf zu sein. Erneut war es keine Entscheidung zwischen Demokraten und Republikanern, es war eine Frage zwischen Verstand und Verblendung. Mitt Romney war ein anständiger Mann, das weiß man spätestens seit der gleichnamigen Dokumentation auf Netflix, aber die Kräfte im Hintergrund, der Aufstieg der Tea Party Bewegung in der republikanischen Partei, machten uns Angst. Doch Erleichterung. Obama war trotz schleppender Ergebnisse (seit 2010 blockierten die Republikaner unter Mitch McConnell so gut wie jeden Gesetzesentwurf im Senat) noch einmal davon gekommen.

Und dann kam Trump und es war schnell klar, dass er das System nachhaltig verändern würde. Und doch war es keine Frage, dass Hillary gewinnen würde. Hatten die Republikaner in den beiden Wahlkämpfen zuvor erzkonservative aber respektable Männer ins Rennen geschickt, war es diesmal deutlich, dass es Trump weder mit Respekt noch mit Anstand wirklich ernst meinte. Seine Wahl war ein Schock. Ich war auf Tour im Ausland und war mit dem Laptop auf den Beinen eingeschlafen. Eine SMS riss mich aus dem Schlaf. “Trump declares victory. Hillary Clinton concedes.” Ich dachte erst, ich würde träumen. Es war doch so einfach gewesen, Amerika. Die Frage, die man sich hätte stellen müssen, war doch so einfach gewesen: Ist das wirklich wer wir sein wollen?

Nach vier Jahren Trump hat sich vieles geändert. Die Auswirkungen des Wahlkampfs, die Verrohung der Sitten und der Sprache sind in vielen Ländern spürbar. Political Correctness ist zum Schimpfwort verkommen. Wer geglaubt hatte, Trump ließe sich mäßigen, hat sich geirrt. Trump ist seit 2015 konstant im Wahlkampfmodus, speit Parolen, arbeitet schon seit mindestens zwei Jahren daran, das Vertrauen in den demokratischen Prozess endgültig zu zerstören. Ein Präsident, der wahllos Beleidigungen von sich gibt, der alles, was ihn kritisiert als Lügenpresse abtut und zwei Parteien, eine, die zwar versucht Politik zu machen und mit Logik und Argumenten zu punkten versucht, aber sich immer wieder auf Trumps Niveau herunterziehen lässt und die andere Partei, die, die Trump vor 2016 ebenso kritisiert hat, vor ihm gewarnt hat und geschworen hat, ihn zu verhindern und sich jetzt wie hypnotisiert hinter ihn scharrt und seine Taktiken adaptiert. Es ist zum verzweifeln. Die Entscheidung zu Gunsten der Polarisierung funktioniert eben nachdem man sich der lästigen Inhalte und der überdrüssigen Moral entledigt hat.

Wenn ich zurück blicke auf die 20 Jahre, die die amerikanische Politik eine Rolle in meinem Leben spielt, dann frage ich mich, ob nicht all das, was jetzt schief läuft, im Grunde genommen genau das ist, was mich immer fasziniert hat. Amerikanische Politik war eben von Natur aus schon immer theatralischer als die oftmals dröge erscheinende deutsche Politik, phrasenbehafteter, populistischer, abhängiger von dem, was Max Weber als charismatische Autorität bezeichnet hat, ist aber in den letzten fünf Jahren und jetzt, spätestens mit dem letzten TV Duell, endgültig zur Schmierentheater verkommen.

Klar ist aber, dass Demokratie nur existieren kann, wenn die großen Spieler der Macht die Grundregeln akzeptieren. Tun sie das nicht, droht das System zu kippen und Trump hat mehr als einmal klar gemacht, dass er das Ergebnis nicht akzeptieren werde, sollte er verlieren. Und wer sich in der Aussicht suhlt, Trump werde nach einer eventuell eintretenden Wahlniederlage im Zweifel eben vom Secret Service in Handschellen aus dem Weißen Haus getragen, der vergisst oder unterschätzt die Treue mit der nicht nur die republikanische Partei, sondern insbesondere seine Anhängerschaft zu ihm stehen, mit welcher Loyalität sie auf Trumps Botschaft gleichgeschaltet sind. “Wir sind die Guten, alles andere ist Verschwörung.” Klar scheint zum ersten Mal zu sein, dass bei einer Wahl, unabhängig vom Ausgang, der Verlierer bereits feststeht, nämlich das Land selbst. Gespalten, auf Hass programmiert und unfähig, die eigene Filterblase zu überblicken scheinen Argumente hoffnungslos zu sein, in der Auseinandersetzung mit der jeweils anderen politischen Seite. Dabei sind Kompromissbereitschaft und eine gesunde Debattenkultur die anderen beiden unabdingbaren Pfeiler einer jeden Demokratie, insbesondere dann, wenn es nur zwei große Player gibt und nicht, wie in Deutschland zum Glück, eine respektable Auswahl an Parteien.

Während der ersten Debatte zwischen Trump und Biden ertappte ich mich erstmals bei der Frage, warum ich mir das eigentlich antue. Da ist sie also, die Resignation. Wie sollte sie sich auch nicht einstellen angesichts dessen, was ich zu sehen bekam: Ein alternder, gelegentlich stammelnder Joe Biden, der versucht sich von der Stichelei und den Provokationen von Trump nicht aus dem Konzept bringen zu lassen (was nur mäßig gelingt), in gewisser Weise ein Vertreter der “guten alten Zeit”, in der Anstand und Kooperation wichtige Elemente der überparteilichen Arbeit in der amerikanischen Politik waren (was nicht heißt, dass früher inhaltlich alles besser war!) und ihm gegenüber der Präsident (mir fällt es immer noch schwer, auch nach vier Jahren habe ich mich nicht daran gewöhnen können!), der sich 90 Minuten inhaltsfrei in Verschwörungstheorien und Beleidigungen ergoss und sich maß- und grenzenlos an sich selbst ergötzte - ein Verhalten, für das jede der beiden Parteien vor 10 Jahren noch ihre jeweiligen Kandidaten vom Hof gejagt hätten. In gewisser Weise kam ich mir vor wie ein Gaffer bei einem Autounfall auf der Gegenspur.

Und so ist die vor uns liegende Wahl diesmal keine einfache Frage von Anstand und Respekt oder wer wir sein wollen. Und um ganz ehrlich zu sein fühle ich mich von Joe Biden auch nicht so richtig abgeholt. Ich finde ihn menschlich sympathisch, ohne Frage. Ich glaube auch, dass er das Herz am rechten Fleck trägt und, dürfte ich wählen, wäre es ein No-Brainer, wie man neudeutsch so schön sagt. Aber ich sehe in ihm wirklich nicht die Zukunft der selbsternannten mächtigsten Nation der Erde noch scheint er in der Lage, die Gräben, die dieses Land durchziehen, zu überbrücken. Dafür sorgen allein schon die Wahlkampagnen der Regierung, die einzig und allein darauf angelegt sind, das Image von Joe Biden nachhaltig zu schädigen. Es ist auch keine einfache Frage von Verstand oder Verblendung, von Progressivität oder Reaktionismus. Trumps anhaltende Beliebtheit bei seiner Anhängerschaft, die stattfindende Verherrlichung und Verehrung ist mit Verstand und Logik ohnehin nicht mehr zu erklären und seine Politik ist eher als chaotisch und menschenfeindlich denn als reaktionär zu charakterisieren. Es ist nicht einmal mehr alleine eine Frage um die Zukunft des Planeten im klimatechnischen Sinne. All diese Fragen rücken in die zweite Reihe angesichts der Frage, die im Zentrum dieser Wahl steht: Hat Demokratie in diesem Land und damit, wenn man den Einfluss den die Vereinigten Staaten auf das globale politische Geschehen haben, im Rest der Welt langfristig überhaupt eine Zukunft?



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