Was auch immer passiert

"I’ve been trying hard to come to terms with who I am” habe ich mal in “All this Time” gesungen. Es war ein Lied über Dunkelheit und Sonnenuntergang. Die Wahrheit ist, es ist ein andauernder Kampf, der mich immer wieder in die tiefsten Tiefen hinunterreißt. Oft geht es mir gut, hin und wieder nicht so gut und manchmal, ja manchmal geht es mir so wie in den vergangenen zwei Wochen.

Als ich am Freitag nach Oelde gefahren bin um mich mit Linda, Kathi, Jens und den wundervollen Leuten vom Whatever Happens zu treffen plagte mich zusätzlich zu allem anderen Ballast ein unendlich schlechtes Gewissen. Ich hatte mich in der Vorbereitung nicht so einbringen können, wie ich es von mir erwartet hatte. Ich hatte oft nicht auf Nachrichten geantwortet und am Ende habe ich es nicht einmal geschafft, mich wirklich auf die ausgemachten Songs vorzubereiten. Ich hatte das Gefühl, alle hängen zu lassen. Zwischendurch hatte ich sogar darüber nachgedacht abzusagen. Der einzige Grund warum ich es nicht tat - ich habe mich nicht getraut.

Und dann? Tja. Dann. Ich parke mein Auto, ich gehe in den Backstage Bereich und sehe Kathi und Jens, beide eine Gitarre am Schoß, vertieft in “The Maze". Kathi strahlt mich an, umarmt mich und will mir sofort zeigen, woran die beiden gerade arbeiten. Jens sitzt einfach da und lächelt beseelt. Ich glaube es war dieser Moment, an dem ich zum ersten Mal seit längerem wieder das Gefühl hatte, das alles irgendwie gut werden kann.

Wir haben den Freitag bis tief in die Nacht geprobt, gesungen, getanzt, herumgealbert, blöde Witze erzählt - wie Teenager im Zeltlager. Linda kam am frühen Nachmittag dazu und auf einmal passte alles zusammen, als seien unsere Songs für einander geschaffen, als hätten wir nie etwas anderes getan, als zusammen zu musizieren - nicht weil alles perfekt klang, sondern weil wir von Minute zu Minute mehr zusammenwuchsen. Ich weiß nicht, wann ich am Ende eingeschlafen bin, es muss gegen 4:00 Uhr gewesen sein. Irgendwann gegen halb 1 oder 1 Uhr nachts haben wir das Proben aufgegeben für den Tag, einfach weil unsere Körper irgendwann ausgelaugt und unsere Stimmen im Eimer waren und haben uns darauf beschränkt einfach nur zu reden - am Lagerfeuer. Am Samstag haben wir eigentlich bis unmittelbar vor Einlass geprobt und dann noch ein bißchen länger im Backstage Bereich. Ich glaube den letzten Durchgang eines Songs habe ich mit Linda 20 Minuten vor Stagetime geprobt.


Es ist für außenstehende schwer nachvollziehbar, aber was wir vier geschafft haben, war am Ende eine wahnsinnige Kraftanstrengung. Wir haben in weniger als zwei Tagen fast 20 Songs aus dem Nichts auf die Beine gestellt. Wir haben mit größtem Respekt versucht, die Songs unserer Mitstreiter:innen zu unterstützen und wir haben dem Begriff “Campfire Cameraderie” Leben eingehaucht. Brüder und Schwestern in Geiste und Seele. Kathi, Linda, Jens, ihr wart “good people to ride the river with” - so hätte es Tom Petty formuliert. Euer Humor, euer Talent, euer Engagement, euer Enthusiasmus haben mich durch die Tage getragen und mich vor allem innerlich zum Leuchten gebracht. Es ist auch schwer nachvollziehbar und kaum für mich zu kommunizieren, wie sehr mir das alles gefehlt hat. Dinge, die bis vor einigen Monaten so selbstverständlich waren: eine Bühne. Publikum. Musik. Interaktion. Dieses... Gefühl. Gemeinschaft. Kameradschaft (ja ich weiß, auf deutsch ein furchtbares Wort!). Liebe.


Am Ende hast du es formuliert, Jens, ich hoffe du verzeihst, dass ich dich schamlos zitiere: “Ich bin hundemüde und fahre doch mit vollerem Akku nach Hause, als ich gekommen bin.” Noch jetzt, drei Tage später, sitze ich hier, verarbeite, sehne mich zurück und wünschte, dieser Abend, diese Zeit auf der Bühne und hinter der Bühne hätte nie geendet. Und schon jetzt, drei Tage später, warte ich voller Vorfreude auf unser Wiedersehen. Es kann und wird, es darf nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir die Bühne teilen. An Kathi, an Linda, an Jens, an alle vom Whatever Happens Team, an alle Zuschauer:innen und an das Kulturgut Oelde. Wieder einmal wart ihr meine Rettung, meine Ekstase, meine Hoffnung und mein Glück. Ich danke euch von ganzem Herzen für eure Wärme. Ihr habt mir einen Platz gegeben, der mir, egal was kommt, das Gefühl gegeben hat, dass alles gut werden kann. “No matter what they throw at us, there’s a place for us to stay.” Ja, die Sonne ist wieder aufgegangen.

- John


Photography by Nico Ackermeier | honeymilk Photography

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